Freitag, 28. April 2017

Noch nicht mal mehr virtuelle Freunde

Ich hab es getan. Ich hab nicht nur Johannes bei FB gekickt, sondern nahezu fast alle anderen auch. Nur noch Familie und Promis...

Das ist irgendwie eine Lebenseinstellung, oder? Hmm. Ich weiß, dass man nicht viele richtige Freunde hat. Auch andere Menschen nicht. Aber andere Menschen haben viele Bekannte. Oberflächliche Freundschaften... Das Ding ist... Ich weiß, dass mich viele Leute "mögen". Bis zu einem gewissen Punkt. Oh ja, am Anfang findet mich jeder immer sehr nett, süß und sympathisch. Ich weiß auch nicht so recht, was dann immer passiert ist. Irgendwann hat es immer aufgehört. Ich denke, so ist das halt mit meiner Psyche. Man merkt das auf den ersten Blick nicht. Für so viele Leute ist es so unverständlich, dass ich die Rente bekomme. Aber tief in mir drin... Ich kann nur hin und wieder gesellschaftsfähig sein. Ich selbst ertrage die Menschen ja auch nicht immer und auch nur sehr bedingt. Und es ist nun mal defacto so, dass mich die allermeisten Menschen überhaupt nicht interessieren. Ich mag nichts von ihnen sehen oder hören. Sie sollen mir aus dem Weg gehen, genauso, wie ich ihnen aus dem Weg gehe.

Und es ist nun mal auch so, dass es mir meistens wegen den Menschen schlecht geht. Ich verstehe sie so oft nicht. Vieles von dem was sie sagen oder tun, tut mir weh. Macht mich kaputt. Noch mehr kaputt... Ich weiß auch nicht, wie ich mit ihnen umgehen soll. Ich kann Smalltalk, oh ja, darin bin ich sehr gut, sehr gesellschaftsfähig, fast schon überdurchschnittlich, würde ich mal behaupten... Aber kurz danach ist auch Schluss.

Ich denke, ich wäre in der Tat auf einer einsamen Insel recht gut aufgehoben. Also ein wenig präperiert müsste die schon sein. Keine gefährlichen Tiere oder ähnliches. Einfach nichts, wovor ich Angst haben müsste. Ein paar Bäume und Sträucher mit Obst wären ganz gut. Tiere und Fische brauche ich nicht, ich könnte nicht töten. Eher würde ich verhungern. Und eine Trinkwasserquelle. Vielleicht noch Zettel und Stift. Aber Menschen? Nein.

Heute ist Frau Dr. Brenners Todestag. Bereits der 14.. Unfassbar wie die Zeit vergeht. Heute bin ich ganz traurig deswegen. Gut, das mit meinem Dad ist grade mal 1,5 Monate her... All die Daten stehen mir bei ihm noch bevor... Sein erster Geburtstag ohne ihn. In nicht mal drei Monaten ist es soweit. Mein Geburstag, der Todestag, dieses verfickte alljährliche Familientreffen...

Er fehlt mir immer wieder mal. Ich würde gerne noch mal mit ihm reden. Wir haben in den letzten Jahren zu wenig miteinander gesprochen. Zu oft gestritten. Das will ich jetzt lernen. Weniger zu streiten. Mit Jörn. Auch wenn er mich manchmal nervt... Ich will ihn nicht immer anzicken. Nicht, dass ich mein Dad immer angezickt hätte... Eher anders herum. Ja, ernsthaft... Er war manchmal schon sehr schwierig... Aber ich mag es nicht mehr an Jörn auslassen, wenn ich unzufrieden mit mir selber bin. Etwas, woran ich schon sehr, sehr lange arbeite, aber jetzt noch mehr verbessern möchte. Wenn ich mit den Bildern von meinem Dad rede, sage ich ihm das nämlich immer wieder. Dass es schade ist, dass wir uns so oft gestritten haben, dass wir die Zeit auch sinnvoller nutzen hätten können. Und das möchte ich hinterher über Jörn sagen müssen...

Ich bin traurig. Sehr traurig. Meine Diät klappt nicht. Ich mache viel Sport, esse gut, zähle die Kalorien... Und dennoch... Die 2,5 Kilo, die ich seit dem Tod meines Vaters zugenommen habe, wollen einfach nicht mehr runter. Ich fühle mich fett. Wollte heute morgen laufen, ich kann nicht mehr schnell laufen. Ich bin seit über einem halben Jahr immer langsam mit Jörn gelaufen. Mittlerweile ist es so, dass er schneller läuft als ich. Ich komme nicht mehr mit. Und ich selbst laufe 1 km/h langsamer als noch vor den gemeinsamen Laufeinheiten. Ich bekomme einfach kein Tempo mehr rein. Ich kann weit laufen, das schon... Aber die kurzen, schnellen Strecken, klappen nicht mehr. Heute bin ich 3 Kilometer gelaufen, so schnell wie ich konnte. Und war dennoch in der Pace noch wesentlich langsamer als früher auf 10 Kilometern. Das frustriert mich. Ich gehe heute Abend noch mal los. So kann ich das nicht auf mir sitzen lassen...

Ja, ich bin traurig. Unzufrieden. Deprimiert. Dieses tiefe Gefühl, einfach nichts zu können und für nichts zu gebrauchen zu sein. Keine Erfolgserlebnisse... Das tut weh.

Mittwoch, 26. April 2017

Ich hab es getan...

Ich hab Johannes bei FB raus geschmissen. Mir wurde in den letzten Tagen so vieles klar. Dinge, die mein Kopf zwar schon lange wusste... Dinge, die ich aber nun auch akzeptieren kann.

Er ist wie er ist. Hat definitiv seine guten Seiten. Oh ja, die hat er... Aber... Ich mag bekannterweise keine Menschen. Umgebe mich auch nicht wirklich mit ihnen. Ich habe keine Freunde. Hab ich wirklich nicht. Und mir ist durchaus bewusst, dass das an mir liegt. Ich bin schwierig. Die meisten Menschen interessieren mich auch nicht. Manche finde ich direkt von Anfang an scheiße. Ich bin kein Mensch, der konstante Beziehungen führen kann.

Hmm. Im Vergleich zu Jens... Der für mich mittlerweile einfach ein Blender und imemr nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist... Ich finde Johannes nicht scheiße. Ich mag ihn. Ja, das tue ich. Er gehört nach wie vor zu den Menschen, die in meine Nähe dürften. Immer. Für die ich mich interessiere, bei denen ich möchte, dass es ihnen gut geht. Er ist einer der Menschen, die ich liebe. Auf meine ganz eigene Art und Weise.

Die Psychotante sagt, ich hätte ein gutes Gespür für Menschen. Könnte recht schnell selektieren, wer passt und wer nicht.

Und Johannes... Wie gesagt, ich hätte ihn gerne bei mir. Aber er hat nun mal so viele Menschen in seinem Leben. Er ist beliebt. Kurz: Er braucht mich nicht. Ich bin für ihn nur irgendjemand. Vielleicht mehr als ein paar andere, aber halt auch viel weniger als viele andere.

Und für ein Mensch wie mich, der den Menschen aus dem Weg geht... Ist das einfach keine gute Position. Keine Grundlage. Nichts, womit ich mich wohl fühle. Dafür ist er einfach zu wichtig. Für mich. Wäre er mir egal, so wie all die anderen Menschen, hätten wir eine gute Grundlage. Aber so ist es nun mal nicht. Und für diese ganzen oberflächlichen Pseudofreundschaften ist mir einfach meine Zeit zu schade. Ich bin da einfach nicht der Typ für. Ja, die meisten "Freundschaften" funktionieren so, ich weiß. Können sie ja auch, jedem das seine, nur für mich, für mich ist das nichts.

Und dass er so ist wie er ist. Dass er auch zu mir so ist wie er ist. Mal ist er da, mal wieder weg... Er ist nicht wegen mir so. Zu seiner Top10 mag er sicher anders sein. Aber zu den anderen 90 Prozent der Menschen in seinem Leben wird er auch nicht anders sein.
Es ist so ähnlich wie bei meinem Dad... Mein Dad ist auch nicht gestorben, weil er mich hasst, weil er mich alleine lassen wollte, weg von mir wollte... Und Johannes ist auch nicht so zu mir, weil er mich nicht mag.

"Halt nicht genug"... Würde er jetzt wahrscheinlich sagen. Das tut immer noch weh. Das tut auch in Hinblick auf Freundschaft weh. Aber für jemanden wie mich, der einfach keine Beziehungen führen kann. Der sich so verdammt schwer mit diesem ganzen zwischenmenschlichen Kram tut... Da ist es einfach Gift, jemand unter tausenden zu sein. Das ist nicht der richtige Umgang für mich. Ich brauche Zuwendung und Vertrauen. Sicherheit. Damals war ich seine "klare Nummer 1". Hatte er selbst gesagt. Und das hab ich gefühlt. Und das war gut.

Dass er für mich da war, nach dem Tod meines Vaters. Das rechne ich ihm hoch an. Das tue ich wirklich! Aber... Er soll für mich da sein, weil er für mich da sein möchte, weil er mich lieb hat, weil er sich Sorgen um mich macht, weil er möchte, dass es mir gut geht. Und nicht, weil ich ihn halt nach dem Tod seiner Nichte unterstützt habe. Ich wäre immer für ihn da. In guten wie in schlechten Zeiten... Will jeden Tag wissen, ob es ihm gut geht. Nicht nur, wenn jemand stirbt. Und er soll nicht nur bei mir sein, weil grade irgendjemand gestorben ist. Soll ich jetzt immer darauf hoffen, dass irgendjemand stirbt? Nein...

Ich weiß gar nicht so recht, was jetzt endgültig der Grund war... Warum ich es gestern Abend tatsächlich geschafft habe, den "Als Freund entfernen" Button anzuklicken. Angeguckt hatte ich mir den schon öfter, klicken konnte ich nie. Gestern ging es ganz leicht.

Noch mal... Ich hab das nicht getan, weil ich ihn scheiße finde. Im Gegenteil... The door to my heart is always open... Oder er mich komplett scheiße findet. Er mag mich. Aber um in seinen Worten zu sagen: Halt nicht genug...

Das reicht mir nicht. Ich will keine von tausenden sein. Will nicht ständig übersehen werden. Auch von ihm nicht. Meine Tür steht immer offen. Für ihn. Aber öffnen muss er sie alleine.

Schwierig wird es, wenn er mich eines Tages danach fragen sollte. Irgendwann wird es ihm auffallen. Was sage ich ihm? Nicht die Wahrheit... Zumindest nicht die volle. Jens hatte mich nicht gefragt, keine Ahnung, ob es ihm überhaupt aufgefallen ist. Selbst wenn er fragen sollte... Ich würde sagen: "Wir hatten unsere Zeit, die werde ich auch nie vergessen. Aber sie ist vorbei. Wir sind nur noch zwei Fremde mit einer gemeinsamen Vergangenheit." Fertig. Dass ich ihn für einen Blender halte, braucht er nicht zu wissen. Wozu auch... Wird er nicht so sehen ;-) . Aber bei Johannes? Hmm.
Ich glaube, ich sage einfach: "Das ist nur FB, mach dir keinen Kopf. Ich hab dich lieb." Fertig. So ist es ja nun mal auch.

Und mehr muss er nicht wissen. Tja. Irgendwie echt schade und traurig. Weil es nun mal so selten ist. Dass mein Herz jemanden so gut findet. Und dann will der aber nicht. Nutzt nichts. Das Leben geht weiter.

Und meines sowieso. Mit Sport. Mein neues sportliches Ziel ist es, einen Halbmarathon zu laufen. 18 Kilometer schaffe ich schon mal. Ohne Wettbewerb. Das ist nicht mein Ding. Ich laufe in 1,5 Wochen einen Wettbewerb mit, für den ich mich schon vor Monaten angemeldet hatte. Ich sterbe vor Angst und bin einfach nur froh, wenn es vorbei ist. Ich mache nur aus einem einzigen Grund noch mit... Mein Dad hatte immer gesagt: "Wer A sagt, muss auch B sagen." Blöder Spruch? Ja, manchmal schon. Aber nur weil man Angst hat, braucht man keinen Plan C oder einen aus dem restlichen Alphabet. Nur weil ich Angst habe, bleibe ich nicht zu Hause. Dieser Lauf ist für meinen Dad. Nur für ihn. Mir scheißegal, wie schlecht ich abschneiden werde. Dass ich da überhaupt antrete und auftauche... Damit habe ich mein Ziel mehr als erfüllt.

Und ich werde noch was für meinen Vater tun. Ich gehe ja nie wählen. Mein Dad war sogar in einer Partei und wollte mich immer dazu zwingen. Ein Mal hatte er es sogar geschafft und ich bin mit. Aus Protest habe ich alles gewählt, nur nicht seine Partei... Im Mai sind Wahlen... Ich werde gehen. Das erste Mal freiwillig. Und ich werde seine Partei wählen. Er kann seine Stimmen nicht mehr abgeben. Ich mache das für ihn. Es sind seine Stimmen, nicht meine. Wäre er noch am Leben, hätte er sie selbst abgegeben. Ja. Das fühlt sich gut an.

So. Auf. Mir gehts gut.

Freitag, 14. April 2017

Wenn der Schock der Traurigkeit weicht...

So langsam fängt es an... Der Schmerz. Heute ist es genau einen Monat her. Eigentlich war es geplant dass meine Eltern heute zu mir kommen, über Ostern bleiben... Ich wollte unbedingt mit meinem Papa an den Rhein, Schiffe gucken... Er liebte das Wasser und die Schiffe. Stattdessen fahre ich morgen in die Heimat... Es war damals so komisch, als Kira plötzlich nicht mehr da war. Dass da plötzlich kein Hund mehr auf mich zugestürmt kam, wenn ich "nach Hause" kam... Jetzt ist auch mein Dad nicht mehr da. Jetzt gehe ich nur noch meine Mutter besuchen...

Heute Nacht habe ich die Tage vor einem Monat revue passieren lassen. Das erste Mal mit Gefühl. Damals gab es keine Zeit und keinen Raum für Gefühle. Man musste einfach funktionieren. Aber alleine der Gedanke daran, wie er einfach die Treppe rückwärts runter fällt und auf den Hinterkopf knallt. Völlig ohne Gegenwehr. Ja, vermutlich war er in dem Augenblick des Falles schon quasi tot. Man weiß es nicht. Man weiß ja noch nicht mal, warum er gefallen ist. Er ist nicht gestolpert oder so was, das schließen sowohl die Ärzte als auch die Kripo aus. War ihm nur schindelig? Herzinfarkt? Schlaganfall? Keine Ahnung... Er war kurz davor noch wegen seinem Rücken im Krankenhaus, die Ärzte sagten, er hätte nicht, er müsse sich nur mehr bewegen... Das kam mir damals schon so komisch vor... Mein Papa geht nicht einfach ins Krankenhaus wegen nichts. Er war keiner der jammert und simuliert. Er hat wahnsinnig viele Schmerztabletten stattdessen verschrieben bekommen. Sehr starke. Das hat auch sein Hausarzt gesagt, dass sie zu stark sind und sie bald wieder abgesetzt werden müssten. Waren sie zu stark? Für vor allem einen herzkranken Mann? Der Arzt im Krankenhaus sagte letzten Monat, als ich mit ihm über die Organspende sprach, dass komischerweise auch die Lunge nicht mehr in Ordnung sei. Vielleicht hatte er ja Lungenkrebs oder so was? Er hatte seit Monaten diesen Husten... Vor kurzem noch Blut im Urin...

Man weiß es nicht. Es sollte mir auch egal sein. Er ist tot und kommt nicht mehr wieder. Aber dieses Bild... Wie er einfach fällt und tot ist.

Ich kann nicht mehr aufhören zu weinen. Dabei muss ich. Meine Zeitungen müssten jeden Moment kommen, Jörn ebenfalls... Alle denken, dass ich so taff und stark mit dem Tod meines Vaters umgehe. Ging ich auch. Ich hatte ja nichts gefühlt... Aber jetzt? Ich darf es nicht wieder verkacken. Muss stark sein... Wenn ich jetzt wieder zusammen breche, verliere ich alles... Wenn ich jetzt wieder zum totalen Psycho werde und in die Klapse muss... Dann sind meine Zeitungen weg, Jörn weg und vermutlich Johannes auch wieder richtig weg. Ich darf kein Psycho mehr werden... Muss stark bleiben.

Und das bin ich nur, wenn ich keine Gefühle hab. Ich muss es schaffen. Ich muss einfach...

Samstag, 8. April 2017

Als es noch was Besonderes war...

Heute war es wieder da... Eines dieser Zeichen, die diese Geschichte zwischen Johannes und mir damals so besonders gemacht haben. Früher gab es so viele davon. Und sie haben sich alle so unglaublich angefühlt.

Heute Mittag war Fußball. Wir hatten kurz davor kurz was geschrieben, er schickte mir ein Bild mit ner Flasche Bier (Bäh! scheiß Alkohol!), ich ein Konterbild mit ner Chipstüte. Wie viele verschiedene Sorten Chips gibt es auf der Welt? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Leute, die sich noch nie zuvor in ihrem Leben jemals über Chips unterhalten haben... Mal davon ab, dass ich bei Chips noch nicht mal wählerisch bin, ich nehme halt grade die, die vorne liegen und mich quasi anspringen. Ihr wisst, was kommt, oder? Er schickt ein Foto von sich mit exakt derselben Chipstüte vor dem TV. Gleiche Sorte, gleicher Geschmack.

Er hat danach auch nicht mehr geantwortet. Ob ihm das auch eingefallen ist? Dass das zwischen uns früher ganz oft so war? Ein mal hatte ich mir nach der Arbeit Kuchen geholt, machte ich nicht oft, erzählte ich ihm auch nicht und er tat genau dasselbe und so saßen wir beide da und aßen denselben Kuchen. Auch noch denselben. Bienenstich, glaube ich. Oder Donauwelle. Weiß ich nicht mehr. Ist auch egal.

Jetzt ist er wieder. Mittlerweile wieder so... Weiter weg. Kürzer angebunden. Nicht mehr so gesprächig. Antwortet wieder nicht auf Fragen, geht auf nichts ein, eine Konversation ist wirklich schwer. Und nach wie vor handhabe ich es so, dass ich einfach die Schnauze halte, wenn nichts mehr kommt. Warte, bis er irgendwann wieder schreibt. Naja...

Es ist schwierig. Er ist schwierig. Manchmal hab ich das Gefühl, ich müsse ihm sagen, dass er sich nicht um mich kümmern braucht, wenn er dazu keine Lust hat. Ja, manchmal hab ich wirklich das Gefühl, er hat eigentlich gar keinen Bock auf mich. Ganz komisch. Und mich strengt es irgendwie an.

Ich liebe die Momente, in denen er einfach da ist und auch gerne da ist. Wo er ganz da ist. Wo er offen ist. Ja, das sind die Momente, die einfach so wertvoll für mich sind. Schade, dass er nicht so oft so ist. Und mittlerweile weiß ich wirklich nicht mehr, ob er nur zu mir so ist, oder ob er vielleicht doch auch ein Stück weit immer so ist. Zu jedem. Dass er nur bedingt Menschen an sich ran lassen kann. Ich nehme es nicht mehr all zu persönlich. Das ist gut. Aber dennoch finde ich es schade. Ich hätte ihn gerne öfters näher bei mir. Ja, das wäre schön. Aber ich kann ihn ja nun mal nicht zwingen.

An meinen Vater denke ich nicht mehr. Doch, tue ich. Aber nicht daran, dass er tot ist. Will ich nicht, mache ich nicht. Aus die Maus.

Gestern habe ich den Trainer wieder gesehen, er hatte mit seiner neuen Mannschaft ein Spiel, knapp drei Stunden von hier entfernt. Jörn und ich sind hingefahren. Er begrüßt mich mittlerweile mit Küsschen. Das ist ganz schön groß. Mit ihm hatte ich meine beste Fußballzeit. Durch ihn hatte ich mich wirklich für das Geschehen auf dem Platz interessiert.

Mittwoch, 5. April 2017

Immer noch nicht bereit

Ich denke immer noch nicht darüber nach, dass mein Vater tot ist. Für immer... Ich will das nicht wissen. Nicht verstehen. Nicht an mich ran lassen.

Als ich damals den Redaktionsjob verloren hatte, an dem ich auch sehr hing, da habe ich es so ähnlich gehandhabt. Nicht mehr darüber gesprochen, nicht mehr darüber nachgedacht und irgendwann war es gut. Was komisch ist... Als der Job weg war, da hatte ich so bitterlich geweint. Tage lang. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. All das habe ich jetzt nicht. Sollte ich mal kurz anfangen zu weinen, stoppe ich sofort. Ich möchte es einfach nicht.

Was mich die Tage wirklich beschäftigt hat... Mein Dad hatte früher Tagebuch geschrieben, ich hatte diese irgendwann mal geklaut. Die waren von ganz früher. Ich weiß, dass man so was nicht macht und es tut mir leid. Ich könnte jetzt sagen, dass meine Mutter meine Tagebücher auch gelesen hat und ich es deswegen nicht besser wusste. Wusste ich damals vielleicht auch wirklich nicht besser - ich war ein Kind - aber heute weiß ich, dass es falsch war. Er schrieb über seine Seemannsgeschichten, Liebesbriefe an seine damalige große Liebe... Ich hatte die Bücher bei meinen eigenen Schreibunterlagen, davon gab es ne Menge. Ich hab immer geschrieben. Durch die ganzen Umzüge landeten sämtliche Papier ein Kisten und teilweise auch in blauen Säcken. Und standen im Keller meiner Eltern. Irgendjemand hatte all das dann einfach irgendwann entsorgt. Und das tut mir leid. Nicht um meine eigenen Sachen... Aber die Bücher von meinem Dad sind weg. Und sie wären nicht weg, hätte ich sie damals nicht an mich genommen. Ich würde das so gerne alles noch mal lesen. Ich hab mich damals schon in so vielen Dingen wieder erkannt. Und jetzt sind sie einfach weg. Es ist schwierig... Natürlich könnte ich jetzt auch sauer auf die Person sein, die die Sachen einfach weggeschmissen hat. Es waren nun mal zu 95 Prozent meine eigenen Geschichten... Aber Fakt ist... Hätte ich die Bücher damals nicht genommen, dann wären sie heute noch da. Und das tut mir leid. Ja, deswegen weine ich von mir aus. Weil die Bücher weg sind, aber nicht weil mein Dad weg ist...

Mein Dad war einfach kein Gefühlsmensch. Vor ihm Gefühle zu zeigen, das war nicht möglich. Man durfte einfach nicht vor ihm weinen. Er konnte damit nicht umgehen. Ich hab ihn auch nie weinen sehen. Wenn er mal kurz davor war, dann fing er an zu husten oder zu lachen. Das habe ich von ihm. Wenn ich überfordert bin, dann fange ich auch manchmal an zu lachen, obwohl weinen angebrachter wäre... Meine Mutter hat erzählt, dass er geweint hat, als meine Brüder und ich zur Welt kamen.

Ich weine zum Beispiel auch, weil ich bei so einem blöden Tippspiel wieder Letzte bin. Wie jede Saison. Mache ich mit Jörn und seinem Papa. Und immer verliere ich. Ich bin einfach kein Gewinnertyp.

Ich verliere irgendwie immer. Mich mit anderen messen... Da bin ich immer die Schlechteste. War ich immer und werde es immer sein. Vielleicht mag ich auch deswegen keine Menschen. Weil sie mir einfach immer in allem überlegen sind. Ich kann da einfach nicht mithalten. Es gibt nichts, was ich wirklich gut kann. Ich möchte auch mal in irgendwas gut sein. Aber ich bin es einfach nicht.

Ich hab Jens übrigens bei Facebook raus geschmissen. Schon vor zwei Wochen oder so. Ja, er ist der Mensch, der mehr über mich weiß, als jeder andere Mensch auf dieser Welt. Aber... Er ist ein Blender. Einer, der Menschen manipuliert und ausnutzt. Das ist mir eigentlich schon länger klar. Aber die alte Verbundenheit... Auch das damals... Dass ich so abhängig von ihm war. Dazu haben schon zwei gehört. Er hat es genauso gebraucht. Dass da jemand ist, die ihm so hörig ist. Ich war ein leichtes Opfer. Er hat immer mir die Schuld gegeben. War ich auch ein Stück weit. Aber ich war in erster Linie dumm und naiv. Er nicht. Er wusste genau, was da vor sich geht. Er steht drauf, wenn ihm die Weiber zu Füßen liegen. Er die Kontrolle über sie hat. Bei den meisten macht er dies, in dem er sie sexuell an sich bindet. Und bei mir war es halt die emotionale Schiene. Ich fahr nun mal auch nicht mehr zum Fußball, da kreuzen sich unsere Wege auch nicht mehr. Und nachdem er sich noch nicht mal gemeldet hatte, nachdem mein Dad gestorben ist... Das war für mich der Zeitpunkt die Sache auch offziell zu beenden. Ist bei Jens auch leicht. Ich bekomme sonst auch nichts von ihm mit. Jörn hat auch keinen Kontakt zu ihm. Ich werde ihn auch in Zukunft nicht mehr sehen. Nichts von ihm hören. Was wohl wäre, wenn sich Jörn und Johannes nicht so nahe stehen würden? Okay, Johannes meldet sich hin und wieder mittlerweile. Immer wieder mal. Ich hab ihm in den letzten Tagen sogar mal einen guten Morgen oder eine gute Nacht gewünscht, weil ich auf seine Nachrichten geantwortet habe. Darüber musste ich sogar fast schon liebevoll lächeln. Weil es das seit mittlerweile über sechs Jahren nicht mehr gab. Seit unserer guten Zeit eigentlich nicht mehr. An dem Tag, als er mich abserviert hatte... Da lag ich abends heulend im Bett, hatte seit Stunden keinen Kontakt mehr zu ihm... Ich hatte ihn gefragt, ob ich denn wenigstens noch nen Gute-Nacht-Gruß bekomme... Er meinte, wenn ich denn jetzt schon schlafen gehen würde, dann würde ich den selbstverständlich bekommen. Und dass ich wissen soll, dass es auch ihm heute nicht gut gehe. Und auch wenn es leicht daher gesagt sei, dass ich es mir bitte nicht so sehr zu Herzen nehmen soll...

Was ich mich frage... Damals hätte ich es vielleicht auch so machen sollen wie bei dem Redaktionsjob. Mich einfach ablenken. Aber andererseits... Bei dem Redaktionsjob war mir selber klar, dass es keinen Weg zurück mehr geben wird. Unter den vorgegebenen Bedigungen hätte ich nicht arbeiten können und schon gar nicht wollen. Und als ich dann auch noch gemerkt habe, dass der Chef nur so nett zu mir war, damit ich kostenlos für ihn arbeite... Ja, da war es selbst für mich klar, dass ich gar nicht mehr zurück möchte. Aber bei Johannes... Er ist in den letzten Tagen wieder so nah und vertraut. Natürlich nicht ganz so wie damals. Ich bin nicht mehr sein "Schnuffelchen" und auch nicht "seine Nummer 1". Aber in den letzten Jahren hab ich von ihm kaum was anderes mitbekommen als den ständig besoffenen Typen, der ständig irgendwelche Weiber flach legt. Wahllos. Ich dachte ja manchmal wirklich schon, ich hätte mir den Kerl von damals nur eingebildet. Hätte Worte lesen und hören wollen, die er aber so nie gesagt hat... Und ich glaube... Wenn er mir damals einfach trotzdem noch ein bisschen entgegengekommen wäre, dann wäre es vielleicht doch leichter gewesen. Ja, vielleicht hat er sich so ganz rar gemacht, weil er dachte, dass es besser für mich sei. War es ja vielleicht auch für ne gewisse Zeit. Aber ich glaube, dass ich ab irgendeinem Punkt auch einfach das Gefühl gebraucht hätte, dass auch ich ihm nicht völlig egal bin. Nicht um eine Beziehung zu führen. Aber dass auch ihm das damals was bedeutet hat. Dass ich ihm was bedeutet habe. Das hat mir gefehlt. Ich weiß nicht, wie lange er dieses Mal bleiben wird. Er kommt immer nur kurz und verschwindet dann wieder für ein paar Tage. Ich lasse ihn dann aber auch in Ruhe. Er soll merken, dass ich mich verändert habe. Dass er ruhig mal vorbei schauen darf, ohne dass ich ihn direkt wieder packe und erdrücke. Der Idiot soll endlich merken und kapieren, dass ich in den letzten Jahren wirklich dazu gelernt habe.
Jedenfalls... Warum ist es manchmal besser, Dinge einfach so stehen zu lassen und sich abzulenken? Warum geht es dann irgendwann einfach von alleine vorbei? Beim Fußball ist es doch so ähnlich mittlerweile. Das war mal mein Leben, ist doch klar, dass das etwas länger dauert, bis das endgültig abgehakt ist. Aber auch bei dem Spiel heute... Als mir der Fangesang nur noch auf die Nerven geht, habe ich youtube angeschalten und angefangen, diesen Artikel zu schreiben. Ja, ich lenke mich einfach ab. Aber auch da weiß ich einfach, dass es für mich kein Zurück mehr geben wird. Der Sky-Reporter fand das Verhalten dieser kack Ultras genauso daneben... Ja, vielleicht bin ich einfach mittlerweile einfach ein Sofagucker. War es vermutlich schon immer, aber da kannte ich mich in dieser ganzen Szene einfach noch nicht aus. Ja, ich will einfach in Ruhe Fußball gucken. Ohne Gewalt und Hass. Ohne diese ständigen Kämpfe um Fankultur und gegen die DFL. Vielleicht bin ich naiv, aber ich denke immer, wenn jeder so friedlich und nüchtern ins Stadion gehen würde wie ich, dann gäbe es keine Auflagen und Strafen und Beschränkungen und es müsste keine Fanproteste geben. Und ja, ich war vom Gesang her auch immer ein kleiner Ultra. Ich hab immer mitgesungen und mitgeklatscht und 90 Minuten Vollgas gegeben. Nur von diesen Anti-Gesängen gegen andere Mannschaften und auch von Pyro habe ich mich immer distanziert. Ist ja auch egal. Dieses Fangehabe ist nun mal einfach nicht meines. Da bin ich auf dem Sofa besser aufgehoben.
Jetzt aber zu der eigentlichen Frage. Warum funktioniert das bei einem Todesfall nicht? Ja, mein Dad ist tot und kommt nicht wieder. Weiß ich. Aber er wird auch nicht wieder kommen, nur weil ich jetzt heule. Und das Wichtigste: Er ist nicht wegen mir gegangen. Und deswegen kann ich es halt vielleicht auch wirklich mal zur Abwechslung einfach akzeptieren? Kann doch sein.

Ich gehe jetzt ins Bett. Traurig, weil ich bei diesem kack Tippspiel schon wieder Letzte bin. Und einfach zu nichts zu gebrauchen bin... Dumm, fett, hässlich... Das war Jahrzehntelang mein Begleiter. Das wollte ich sogar auf meinem Grabstein geschrieben haben... Dumm, fett, hässlich... Komisch, war jetzt länger nicht mehr da, dieses Gefühl... Aber jetzt grade... Jetzt ist es wieder sehr deutlich spürbar...

Ach ja... Ich hab noch ein einziges Tagebuch von damals von mir retten können. Ich hab es zwar hier oben, aber ich kann es grade nicht lesen. Weil... Seitdem mein Dad tot ist... Ich hab eine einzige Seite aufgeschlagen, willkürlich. Und das Ding ist, ich dachte immer, ich hätte meine Eltern gehasst und eigentlich würde nichts anderes da drin stehen. Aber diese eine Seite hat gereicht um zu verstehen, dass das so gar nicht da drin steht. Im Gegenteil. Da geht es eigentlich immer nur um das Gefühl, von den Eltern einfach nicht geliebt zu werden. Und das kann ich jetzt nicht lesen. Ich will mich an die guten Dinge von meinem Dad erinnern, will dieses Wissen nicht verlieren, dass er mich lieb hatte.  Aber... Es ist scheiße, wenn ein Kind Tag für Tag denkt, seine Eltern würden es nicht lieben. Das sollte ein Kind nicht so fühlen und glauben müssen...

Mein Dad ist seit über drei Wochen tot. Ich mache es ganz gut, finde ich...

Donnerstag, 30. März 2017

Vorwarnung...

Meine Psychotante meint, dass es nicht gut sei, die Trauer zu verdrängen. Denn dann könne sie mir fast schon versprechen, dass sie mich eines Tages völlig unerwartet umbrettern wird.

Was ich mich aber mittlerweile frage... Vielleicht bin ich ja auch wirklich einfach nicht traurig? Meine Familie ist verkorkst. So heil und harmonisch war das doch alles nie. Es klingt wirklich mies, wenn ich schreibe, dass mein Dad halt das kleinere Übel von beiden war. Zumindest für mich. Meine Brüder sehen das genau andersherum. Aber die hatten ja auch eine Mutter. Im Gegensatz zu mir. Aber selbst die scheinen mehr zu trauern als ich.

Ich fühle einfach irgendwie gar nichts mehr. Klar sitze ich auch heute Abend hier im Dunkeln im Schlafzimmer. In der Ecke, die ich für meinen Dad gestaltet habe. Sitze auf der Decke, deren Gegenstück ich ihm in den Sarg legen lassen habe. Kerzen brennen... Aber traurig, traurig das bin ich nicht.

Ich hab heute auch kein einiges Mal geweint, als ich ihr alles erzählt habe. Sie wusste ja noch nicht mal, dass mein Vater vor kurzem gestorben ist.

Dieses Verhalten wäre ja noch nicht mal so schlimm... Wenn wir hierbei nicht von mir reden würden... Ich hab schon wegen so vielen Dingen in meinem Leben geweint, bin wegen so vielen Dingen zusammen gebrochen... Und da lässt mich der Tod meines Vaters kalt? Dass das nicht so sein kann, weiß ich. Ja, das ist mir klar.

Ich mag einfach an gar nichts denken. Mag zum Beispiel auch nicht daran denken, wie wichtig er mir früher war. Es gab wirklich mal ne Zeit, da habe ich zu ihm aufgesehen.

Hab vorhin mal nach einem seiner Schiffe gegoogelt, auf dem er gearbeitet hatte und in so viele Länder dieser Welt gereist ist... Ich dachte, vielleicht steht sie in irgendeinem Museum oder fährt ja vielleicht sogar noch... Ja, ein wenig hatte ich gehofft, ich könnte sie irgendwo besuchen gehen. Ich hab sie nicht gefunden... Ich weiß so wenig von ihm. Über ihn. Ich weiß, dass er damals sehr glücklich war. Glücklich gewesen sein muss.

Es ist doch selbstverständlich, dass die Eltern sterben. Darauf kann man sich doch im Grunde genommen sein ganzes Leben darauf vorbereiten... Ich weiß noch... Als Kind... Ich hatte mal geträumt, dass meine Eltern sterben. Ich hatte meinem Dad davon erzählt... Er meinte, dass ihm das als Kind auch öfters so gegangen sei. Das hatte mich irgendwie beruhigt.

Johannes meldet sich auch nicht mehr. War wahrscheinlich doch nur ne kurze Momentaufnahme. War schön, jederzeit wieder... Oder auch nicht. Ich fand es jedenfalls sehr nett, dass er zumindest mal kurz nach mir geschaut hat und mir mal wenigstens für einen Augenblick das Gefühl genommen hat, als sei ich der unwichtigste Mensch auf dieser Welt. Aber... Mir ist auch was klar geworden. Johannes hat so viele Leute in seinem Leben. Er ist nicht wie ich. Er ist kein Einzelkämpfer. Ja, er ist vielleicht ein bisschen eigen und hat seine Macken... Aber im Grunde genommen ist er so verdammt angepasst und gesellschaftsfähig ;-) . Er braucht mich nicht. Er hat zig andere Menschen in seinem Leben. Im Gegensatz zu mir... Nicht, dass ich irgendwelche Menschen in meinem Leben wollen würde. Nein. Bevor ich mich mit gewissen Menschen umgebe, bin ich doch lieber alleine. Und wisst ihr, was den Abschied von meinem Dad grade auch so verdammt einfach macht? Das hatte ich bei Frau Dr. Brenner auch irgendwas verstanden... Sie sind nicht wegen mir gestorben, sie sind nicht gestorben, weil sie mich nicht mehr ertragen haben, sie wollten mich nicht alleine lassen... Im Gegensatz zu Johannes damals. Er war am leben... Er hätte nicht gehen müssen. Hätte ich ihm wirklich was bedeutet, wäre er geblieben. Man lässt keine Menschen alleine, die einem wichtig sind. Das macht man doch nicht, oder?

Mein Dad wollte mich nicht alleine lassen. Das weiß ich. Auch wenn er es nie gesagt hat... Und das hat er wirklich nie, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern... Aber er hatte mich lieb.

Und jetzt weine ich doch... Will ich aber nicht. Zack, wieder damit aufgehört.

Ich muss das jetzt einfach schaffen. Es machen sich so viele Leute Sorgen um mich, so viele Leute trauen mir nicht zu, dass ich das ohne Katastrophe durchstehe... Aber das werde ich. Ich werde es denen allen zeigen.

Mittwoch, 29. März 2017

Zeigen, dass ich es jetzt besser kann...

Um ehrlich zu sein, weiß ich immer noch nicht, wie ich trauern soll. Das tue ich im Moment nicht. Ich schiebe sämtliche Gefühle von mir. Schlafe nach wie vor nicht... Vielleicht sollte ich mir wirklich das Schlafmittel holen, das mir Johannes empfohlen hatte.

Ich versuche ein Ritual einzuführen... Heute vor zwei Wochen haben wir die Maschinen abstellen lassen, heute vor einer Woche war die Beerdigung... Der Pfarrer sagte, dass ich das ein und alles von meinem Vater war... Ich hab sogar noch alte Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter von ihm gefunden.. Seine Stimme... So echt. So viele Nachrichten, so viele Nachrichten von ihm, wie er nun mal war... Sogar den Geburtstagsgruß von vor zwei Jahren habe ich noch. Ich höre sie mir an, weiß, dass ich froh darüber bin, sie zu haben... Aber fühlen... fühlen tue ich nichts.
Vorhin habe ich mir eine Blume gekauft. Steht in seiner Erinnerungsecke. Die habe ich recht gut hinbekommen... Vier Bilder von ihm, eine große Truhe mit Dingen, die ich von ihm mitgenommen habe, das Gegenstück zu der Wolldecke, die ich ihm in den Sarg gelegt hatte, sein alter Seemannskoffer steht da, zwei seiner Mützen... Er ging nie ohne Mütze aus dem Haus... Seine Lieblingsmütze hatte ich ihm aufgesetzt, bevor die Maschinen abgestellt wurde. Seine letzte Reise sollte er mit Mütze antreten, er hätte es auch nicht anders gemacht... Genau diese Mütze hatte ich ihm in den Sarg legen lassen... Die Ecke befindet sich im Schlafzimmer... Seitdem bin ich eigentlich rund um die Uhr in diesem Zimmer. Hab schon sämtliche Schränke ausgeräumt und aussortiert...

Seit gestern so halb und heute aber wieder so richtig, werde ich mich wieder voll und ganz auf die Ernährung und den Sport konzentrieren. Kam alles zu kurz in den letzten zwei Wochen. Und nachdem ich halt nach wie vor meinen Trost in Essen suche, habe ich natürlich auch wieder ordentlich zugenommen. 3 Kilo... Die müssen wieder weg.

Johannes sagt, dass es der Wunsch von seiner Nichte damals war, dass er weitermacht. Das hätte er getan. Manchmal würde er heute noch weinen. Vor kurzem erst... Das sei für sie aber auch okay... Mein Dad hatte es gehasst, wenn ich vor ihm geweint habe. Er konnte damit nicht umgehen. Deswegen habe ich es meist vermieden. Das ist jetzt aber nicht der Grund, warum ich nicht weine... Ich hab Angst. Wenn ich ein mal jetzt damit anfange... Wer sagt, dass ich wieder damit aufhören kann? Ich hab das Johannes jetzt nicht geschrieben... Aber grade er muss doch am besten wissen, in welcher Katastrophe das enden kann bei mir.

Heute Morgen während meines Laufes habe ich darüber nachgedacht, dass das jetzt aber auch meine Chance ist. Johannes ist im Moment wieder so nah wie nie. Also seit damals... Dieser endgültige Cut kam vor allem weil ich damals nicht damit umgehen konnte, dass er mich einfach so verlassen hat. Wie oft hatte ich mir in den letzten Jahren gewünscht, er würde sehen, dass ich es mittlerweile besser kann? Dass ich aus meinen Fehlern gelernt habe? Er ist da, ich kann es ihm zeigen.

Mein Papa ist eh tot. Er wird nicht mehr wieder kommen. Da kann ich nichts mehr tun. Aber ich kann wenigstens Johannes zeigen, dass ich nicht mehr so bin wie damals...
Die letzten Nachrichten... Ich hatte nach so langer Zeit das erste Mal wieder das Gefühl, ich dürfe so sein, wie ich bin. Es wäre okay. Hab mir keine Gedanken mehr darüber gemacht, was ich sage und wie das jetzt ankommt.

Ich mache einfach weiter. Die Psyche sucht sich schon ihren Weg. Wenn es raus muss, dann wird es raus kommen. Bis dahin mache ich einfach so weiter wie jetzt.

Nehme dabei wieder ab und zeige Johannes was ich gelernt habe. Das erste fände mein Dad auch gut, das zweite weniger. Auch wenn ich es damals letztlich endgültig verkackt hatte... Hat auch Johannes mir sehr weh getan. Das fände mein Dad nicht gut und wäre sicherlich der Meinung, ich solle auf diesen Kerl scheißen. Aber... "Ach Papalein, da musste jetzt durch." Mein Dad war sein Leben lang auf Diät, wollte immer abnehmen. Aber wirklich schlank war er nie ;-) . Naja, der Wille war ja zumindest da.
Ich werde es jetzt beiden zeigen. Johannes, dass ich mittlerweile besser loslassen kann und meinem Dad wie man wirklich abnimmt.

Ich schaffe das schon.