Freitag, 4. August 2017

Trotz allem...

Ich hab mich lange nicht gemeldet. Ich weiß... Ich bin seit ein paar Wochen verlobt. Ich werde also heiraten. Jörn heiraten. Kein Mann war je so gut zu mir wie er. Es wäre dumm, da "Nein" zu sagen. Ja, es ist eine Kopfentscheidung. Aber dadurch hab ich so ein bisschen Gefühl, als würde mein Herz Abschied nehmen wollen und können von Johannes. Deswegen ein paar Zeilen an ihn: Natürlich nur für mich und für euch. Nicht für ihn...

Lieber Johannes,

tja, wer hätte das gedacht? Ich werde also heiraten. Gib es zu, hättest du damit gerechnet, dass es jemand freiwillig mit mir so lange aushält? Offensichtlich dazu bereit ist, das sein Leben lang zu tun? 
Absurd ist, dass ich dich dabei haben möchte. Meine Wunsch-Gästeliste ist wirklich sehr, sehr kurz. Aber dein Namen steht drauf. 

Wir haben viel erlebt. Vieles davon noch nicht mal gemeinsam, sondern jeder so für sich. Wenn ich an dich denke, dann bin ich oft noch sehr, sehr traurig und beginne zu weinen. Was ich dir zu sagen habe, beginnt meist mit den Worten "Ich weiß, dass ich dir damals nicht wirklich viel bedeutet habe, aber..." Aber was? Du hast mich so tief berührt, wie es noch nie einer zuvor getan hat. Und auch danach nicht... Du hattest mir als einziger Mensch bislang in meinem Leben das Gefühl gegeben, wichtig zu sein. Genau so richtig zu sein, wie ich bin. Liebenswert zu sein. Wertvoll zu sein. 

Das kann ich nicht vergessen. Und natürlich wäre es schöner, wenn du dann irgendwas erwidern würdest von wegen: "Auch du warst mir sehr, sehr wichtig. Vielleicht zu wichtig. Deswegen bin ich gegangen. Ich hatte einfach Angst." Ja, das wäre meine Traumantwort. Sie wäre so versöhnlich. Ich würde dich anschauen und sagen: "Ich weiß." Wir könnten Frieden schließen. Ich könnte Frieden schließen. Nicht mit dir, aber mit mir mir. Mit meinen inneren Kämpfen. Mit dir muss ich keinen Frieden schließen.. Ich hab dir längst verziehen. 

Ich hab vor kurzem einen Film gesehen. Eine Frau trifft ihre Jugendliebe wieder. Sie sagt zu ihm: "Wie soll ich mich erneut in dich verlieben, wenn ich nie damit aufgehört habe, dich zu lieben?" Und das passt irgendwie so gut zu mir. Du wirst einfach immer ein Teil von mir sein. Egal was passiert, egal, wie viel oder wie wenig Kontakt wir haben. Egal, wie du dich in der Gegenwart oder auch in der Zukunft mir gegenüber verhalten wirst. Dieses Gefühl von damals, das ist nicht vergänglich. Du wirst immer der Mann sein, der mir das geben konnte. Der mir all die Ängste nehmen konnte und dafür gesorgt hat, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben frei und leicht fühlen konnte. 

Diese Momente, wenn du meine Hand gehalten und mir in die Augen geschaut hast. Schweigend. Aber das waren Momente, in denen du mich geerdet hast. Egal, wie wütend ich grade auf dich war. Egal, wie wenig ich davon verstand, warum du so zu mir bist wie du bist... Diese Momente der Stille und der Nähe gaben mir Sicherheit. Ich wusste, dass alles okay ist. Egal, wie viel ich grade davon verstand oder nicht. Egal, wie aufgewühlt und unsicher ich war. Das ist so wie die Benzinzapfsäule für das leere Auto, oder das Ladegerät für den leeren Handyakku... Andocken und dann lädt es sich wieder auf und funktioniert wieder. Ankommen. Zur Ruhe kommen. Unglaublich wertvoll. 

Du bist mir wichtig. Warst es immer und wirst es immer sein. Heiraten tue ich den für mich perfekten Mann. Der auf mich aufpasst und dafür sorgt, dass es mir gut geht. 

Aber du wirst für immer der Eine bleiben... 

 

 

Donnerstag, 29. Juni 2017

Schon ne Weile her...

So arg viel ist auch nicht passiert.

Der Kampf gegen die Trauer wird schwerer. Ich muss so viel an meinen Dad denken. Es ist so, dass ich ja die ganze Zeit wusste, dass er tot ist und nicht mehr wieder kommt. Aber das Schlimme ist... So langsam fühle ich es auch. Und das versuche ich mit aller Macht zu verdrängen. Und das ist so anstrengend. Ich bin so müde. Könnte rund um die Uhr nur schlafen. Zum Glück kann ich schlafen... Aber ich träume. Von ihm.

Wir hätten so vieles besser machen können, besser machen sollen. Es ist eigentlich so ähnlich wie bei Johannes und mir. Wir hatten so viel Potenzial. Mir wird bewusst, wie ähnlich ich ihm bin. Also meinem Dad. Wie viel ich von ihm habe. Und dann ist da so ein ganz komisches Gefühl... Wenn ich traurig bin. Egal wegen was... Dann spüre ich plötzlich seine Hand auf meiner Wange, das ist so verdammt tröstend. Ich weiß nicht... Hat er das früher getan? Hat er mir früher Trost gespendet? Ich kann mich nicht daran erinnern... Ich weiß nicht... Hat er an mich geglaubt, als ich ein Kind war? Ich dachte immer, so etwas gab es in meinem Leben nicht...

Mal ganz ehrlich... Alleine die Art wie er gestorben ist. Was in so wenigen Stunden alles auf mich eingeprasselt ist... So völlig unvorbereitet... Alleine das gilt es doch zu verarbeiten. Das kommt ja noch dazu.

Und... Meine Mutter wird auch nicht gesünder. Seit Jahren rechnet man bei ihr damit... Aber das ist auch wieder so typisch... Die ganze Welt hat sich die letzten Jahre nur um sie gedreht... Der einzige der gestorben ist ist mein Dad. Lautlos. Aufoperungsvoll. Ich hab ihn immer gefragt, wie es ihm geht... Hätte auch ich mehr nachfragen müssen? Ich hab es doch auch übersehen... Okay, ich glaube, er wusste es auch nicht. Dass es ihm so schlecht geht, dass er sterben wird. Jedenfalls... Was ist denn, wenn meine Mutter jetzt auch stirbt? Dann habe ich definitiv keine Eltern mehr. Natürlich bin ich erwachsen und natürlich brauche ich sie nicht (mehr) und natürlich hatte ich nie das beste Verhältnis zu ihnen... Vor allem nicht zu meiner Mutter... Aber... Wenn sie dann plötzlich tot sind? Beide?

Mit Johannes läuft es mittlerweile echt gut. Ein Mal die Woche etwa schreiben wir mal kurz. Manchmal auch nur belangloses Zeugs. Aber ich hab das Gefühl, als seien wir wieder einen Schritt weiter gekommen. Als dürften wir uns auch zugestehen, dass wir uns nicht ganz so scheiße finden. Vielleicht taten wir das auch nie so richtig. Aber ausgesprochen hätten wir das Beide nicht mehr. Ich hab das Gefühl, dass es mittlerweile für uns Beide okay ist, dass er weiß, dass er wichtig für mich ist. Ohne dass er abhaut. Ich hab ihn ein mal verloren.... Ich will es kein zweites Mal. Und ich denke, wenn ich ihm immer und immer wieder seine Freiräume gebe, dann sind wir auf einem guten Weg. Und das kann ich. Wenn ich weiß, dass er da ist... Dann kann ich das. Ihn so ganz loslassen... Das hätte ich nicht gekonnt. So ganz ohne ihn. Doch, das wäre auch gegangen... Aber immer wieder mal irgendwas über ihn zu hören oder zu lesen, ohne dabei Kontakt zu ihm zu haben? Nein, das ging nicht.

Okay, ich bekomme dafür jetzt weniger über ihn mit. Bei Facebook habe ich keine Freunde mehr, zumindest keine Fußballfreunde mehr. Da bekomme ich also von ihm nichts mit. Auch nichts von seinen Weibergeschichten... Instagramm müsste ich mal noch konsequenter ausmisten. Das nutze ich nicht wirklich. Hab da noch nie irgendwas veröffentlicht. Manchmal gucke ich trotzdem gerne mal rein, mal schauen, was die Anderen so machen. Das ist nicht so überfüllt wie Facebook, finde ich. Er folgt mir, ich ihm aber nicht. Aber ich folge noch ein paar seiner (Ex)Schnecken. Viel zu oft schaue ich noch ob ihm gefällt, was sie so von sich geben. Es gefällt ihm. Immer. Das will ich nicht sehen und auch nicht wissen.

Ich weiß, dass er seine Weiber hat. Auch wenn ich es nicht sehe. Aber ich denke, dass auch dieses "Nicht-Mitbekommen" dazu beigetragen hat, dass es zwischen uns wieder besser läuft. Und so habe ich ihn exklusiver, persönlicher. Wenn wir schreiben, dann betrifft das nur uns beide. Da klickt sonst kein anderer auf gefällt mir oder gibt seinen Senf dazu ab.

Ja... Ende Juli muss ich zum Gutachter wegen der Rente. Ich hab Angst. Mein Leben ist im Moment stabil. Das Gerüst ist stabil. Mit seiner Entscheidung könnte er alles zum einstürzen bringen. Wenn er mich in irgendwelche Kliniken steckt, vielleicht sogar wieder in die Traumaklinik... Dann verliere ich meine Zeitungen und Jörn würde es auch nicht verkraften, müsste ich für drei Monate in die Klappse. Und ehrlich gesagt, könnte auch ich mich auf keine Therapie einlassen, solange Jörn "da" ist. Natürlich nicht rund um die Uhr... Aber er hat mich in all den Jahren nie so richtig abgefuckt erlebt. Ich funktioniere meistens. Aber während so einer Therapie funktioniert man nicht. Da gehört es dazu, dass man zusammen bricht. Da ist es nicht immer möglich, dass man abends funktioniert. Lächelt, sich freut, gut drauf ist. Das ist ja so schon manchmal schwer. Ihr glaubt gar nicht, wie oft ich die allabendliche Telefonate wegen vorgetäuschten Kopfschmerzen absage...

Ja, Scheiße...

Freitag, 19. Mai 2017

Macht der Gewohnheit oder so

Was die Trauer um meinen Dad angeht ist alles unverändert. Ich denke einfach wieder nicht dran und fühle demnach auch nichts. Meine Psychotante nennt es "ich verdränge". Ich sei noch nicht dazu bereit, den Schmerz zu zu lassen.

Vielleicht wende ich bei Johannes mittlerweile dieselbe Taktik an. Keine Ahnung. Er hat ein neues Profilbild mit ner mir bis dato völlig unbekannten Schnecke. Ich weiß nicht wer sie ist. Das Foto entstand auf irgendeiner Familienfeier. Es gibt also jetzt zwei Möglichkeiten. Sie ist Verwandtschaft oder aber sie ist so sehr Schnecke, dass sie mit auf solche Veranstaltungen darf. Sie sehen gut zusammen aus. Schick angezogen. Steht ihm gut. Und auch sie steht ihm gut. Sie sieht nett aus. Wenn auch schlank, so schlank, dass ich nach Sichtung des Fotos direkt auch wieder aufgestanden bin und meine Hanteln geschwungen habe...

Keine Ahnung, warum meine Abneigung gegen diese eine Schnecke so groß ist. Es gibt welche, die könnte ich leichter akzeptieren. Hmm. Vielleicht liegt das an meinem Scannerblick. Die Psychotante meinte, dass ich das Talent hätte, die Leute innerhalb von Sekunden durchschauen zu können.
Ich mag keine Leute, die sich künstlich so auftakeln wie sie. Wenn das Äußere schon nicht echt ist... Wenn man mit aller Macht versucht das wahre Ich zu verstecken. Von dem abzulenken, was man wirklich ist. Nicht falsch verstehen, ich bin die Letzte, die splitterfaser nackt draußen rum rennt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber falle wenigstens nicht auf. Hmm.

Johannes und ich hatten vor ein paar Tagen mal wieder eine richtige Konversation. Einen Austausch. Er schreibt was, ich schreibe was, er antwortet... Jetzt ist er wieder abgetaucht. Zu der Schnecke auf dem Profilbild? Selbst wenn... Es wächst mittlerweile so ein ganz zartes Vertrauenspflänzchen in mir. Er wird schon wieder kommen. Macht er seit dem Tod meines Vaters regelmäßig. Ich muss ihm wohl dann nur zugestehen, dass er auch mal wieder für ne Weile verschwindet. So lange er nicht für immer weg ist, kann ich das. Sogar sehr gut. Ohne Kummer und Schmerz. Ohne mich dabei wertlos zu fühlen.

Ich muss einen neuen Antrag auf Rente stellen. Ich hab Angst. Angst davor, plötzlich wieder als arbeitsfähig zu gelten... Meine Psychotante hält das für ausgeschlossen und meint, ich bräuchte mir da keine Sorgen zu machen. Das beruhigt mich. Sie wird wohl auch eine Bewertung abgeben müssen. Da wird sie vermutlich nichts anderes rein schreiben. Hoffe ich. Wenn das noch mal durchgeht... Dann ist es endgültig. Es war auch nie mein Lebensziel, so früh berentet zu sein. Aber... Ich bin wirklich froh, dass ich wenigstens eine Erkrankung habe, bei der ich keine anderen Menschen schädige. Wisst ihr was ich meine? Ich könnte ja auch ein Massenmörder, Amokläufer oder sonst was geworden sein. So bin ich einfach nur zu sensibel für diese Welt. Zu traurig. Zu ängstlich. Zu kraftlos. Zu nachdenklich. Ich kann einfach in diesem ganzen Strom nicht mithalten. Den Anforderungen nicht gerecht werden. Hab zu wenig Energie. Bin zu müde. Hab zu wenig Ausdauer. Manchen Leuten tut es gut, wenn sie sich mit jemandem auf nen Kaffee treffen und quatschen. Für mich ist selbst das anstregend und ich muss mich danach davon erholen. Ich komme einfach am besten mit mir alleine zu recht. Menschen und äußere Einflüsse strengen mich so dermaßen an. So ist das...

Man kann sein Leben nicht planen... Zumindest nicht immer...

Donnerstag, 11. Mai 2017

Tja...

Und dann kommentiert Johannes gestern aus heiterem Himmel meinen Whatsapp-Status. Ein Bla-Bla-Bla Spruchbild, ein Bla-Bla-Bla Kommentar von ihm. Eine genauso Bla-Bla-Bla Antwort meinerseits. Ein Zwinkersmiley von ihm und zack vorbei.

Er ist also wieder da. Ich weiß nicht, wo er war, ob was passiert ist. Ich frage ihn nicht danach. Dann müsste ich mich ja outen und zugeben, dass ich gesehen hab, wann er zuletzt online war... Von sich aus wird es mir nicht erzählen und selbst wenn ich nachfragen würde, könnte das Gespräch schon wieder beendet sein.

Vielleicht funktionieren wir halt so. Vielleicht harmonieren wir nur noch auf der Bla-Bla-Bla Ebene. Was bleibt mir denn übrig? Vielleicht ist das aber auch ne Chance. Entweder er lässt sich eines Tages doch auf mehr ein und wir können auch mal wieder intensivere Gespräche führen. Oder ich merke, dass ich diesen oberflächlichen Kram auch bei ihm nicht brauche. Dafür ist mir schließlich bei allen anderen Menschen auch meine Zeit zu schade... Oder aber ich finde diese Ebene irgendwann selbst nicht so schlecht. Keine Ahnung.

Ich weiß doch eh schon nicht mehr was richtig und was falsch ist. Egal welche Entscheidungen ich treffe, er schafft es mit nur einem Wort, einer Geste dass ich wieder alles über den Haufen werfe.

Damals sagte er, dass ich der Chef sei, wir manches aber nicht aus den Augen verlieren sollten... Damals ging es auch um unser Tempo. Ja, es gab mal ne Zeit, da war er schneller als ich... Damals war ich für ihn noch interessant. Vielleicht müssen wir den Spieß jetzt umdrehen. Er ist der Chef, er bestimmt, in wie weit er mich noch in sein Leben lassen kann und will.

Gehen kann ich immer noch... Ach verdammt... Ich kann einfach irgendwie nichts tun. Er ist der Chef, war er schon immer... Ich komme dagegen nicht an. Vielleicht muss ich mich darin üben, devot zu werden. Mich dem Ganzen einfach zu beugen. Es irgendwie auszuhalten. Seit Jahren versuche ich dagegen an zu kämpfen. Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass es so ist wie es ist. Es ist einfach irgendwas Tiefes, irgendetwas was mich daran hindert, ihn loszulassen. Was auch immer es ist, es ist verdammt stark.

Ja, vielleicht muss man manches einfach akzeptieren. Nicht hinterfragen, nicht dagegen ankämpfen... Man soll Dinge akzeptieren, die man nicht ändern kann. Und bei Johannes hab ich die Befürchtung, dass ich in der Tat nichts verändern kann. Hmm.

Er hat mir vorhin übrigens schon wieder geschrieben. Wieder Bla-Bla-Bla. Und ich ebenso. Nichts persönliches. Nichts über ihn, nichts über mich. Hmm.


Mittwoch, 10. Mai 2017

Besser so...

Ich wünsche ihm wirklich nicht, dass ihm jetzt irgendwas ganz Schlimmes zugestoßen ist! Ich bin ja nur so aggro auf ihn, weil ich ihm so egal bin und nicht, weil er mir wirklich was getan hat...

Aber wenn ich ehrlich bin.... Je öfter ich grade auf sein Whatsapp-Profil gehe, umso besser gehts mir. Obwohl er nach wie vor nicht online war. Und da stimmt definitiv irgendwas nicht... Aber er hat kurz vor seinem Verschwinden wieder ein Profilbild eingestellt, das was mit seiner verstorbenen Nichte zu tun hat. Ich mag das Bild. Es ist friedlich, tiefgründig... Es ist irgendwie ein gutes letztes Zeichen. Stellt euch mal vor, ich müsste mir ständig das Bild angucken, auf dem er mit seiner Schnecke drauf ist... Diese knallrot geschminkten Lippen. Bäh! Aber immerhin hat auch sie Bauch... Ja, richtig schlank ist die auch nicht... Ach, egal. Inneren Werte und so. Hab sie nur mal kurz live erlebt, fand sie doof. Die Psychotante meinte, das sei eine Gabe von mir. Dass ich in Sekundenschnelle Leute scannen und einordnen könne. Eine anstrengende Gabe, aber auch irgendwie ein Talent.

Was ich damit sagen will... Es ist okay, dass er weg ist. Wahrscheinlich sogar grade das Beste, was mir passieren konnte. Er hat mir die Entscheidung abgenommen. Wie oft hatte ich mich selbst zwar schon dazu entschieden, dass ich nichts mehr sehen und hören mag... Er hat es auf eine recht elegante Art gelöst. Er wird ja nicht nur für mich weg sein. Er hat nicht nur mich verlassen.

Und das Beste ist... In der letzten Nachricht unserer Konservation schreibe ich ihm, dass es wirklich manchmal weh tut, wenn er einfach schweigt... Das passt einfach alles irgendwie zusammen. Dieses Bild, in dem er mir so vertraut vorkommt. In dem ich den Menschen erkenne, der mir so wichtig war, der mich so tief berühren konnte... Dann die Botschaft, dass er mir weh tun kann und es auch tut... Das ist irgendwie ein gutes Ende.

Ach, ich kann das grade nicht so recht beschreiben, ich hoffe, ihr könnt dennoch nachvollziehen was ich eigentlich meine.

Vielleicht hat er auch sein Handy verloren. Ne neue Nummer... Hat auf FB seine zig tausend Freunde dazu aufgerufen, ihm ne Nachricht zu schicken mit ihrer Nummer. Wer weiß das schon.

Er hat einfach irgendwas an sich, was mich triggert. Auf das ich immer und immer wieder anspringe. Ganz, ganz schlimm.

Aber die für mich bedeutenste Erkenntnis: Er soll meinetwegen Kontakt zu mir aufnehmen und nicht aus Mitleid weil mein Vater gestorben ist. Ja... Ich brauche kein Mitleid. Schon gar nicht von ihm. Ich will gesehen werden. Gesehen und dennoch gemocht werden. Ich weiß noch nicht mal, an welchem Punkt er schon scheitert... Sieht er mich überhaupt? Oder sieht er mich und findet mich einfach nur scheiße? 

Ich weiß es nicht...

Ich weiß, dass ich mich jetzt fertig machen muss, meine Zeitungen kommen gleich. Meine Knie sind wieder kaputt. Überlastet... Tun weh. Doof. Sie bräuchten Ruhe, ich sollte mich aber auf den nächsten Wettkampf vorbereiten. Hmm.

Dienstag, 9. Mai 2017

Ist das dämlich...

Warum hab ich Depp nur geguckt, wann er zuletzt online war?!

Er war seit heute Morgen immer noch nicht online. Es war ja nie schön zu sehen, dass er ständig online ist, offensichtlich tausend (oder auch nur ihr) Leuten schreibt, nur mir nicht... Aber jetzt? Jetzt mache ich mir in der Tat Sorgen um ihn. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mir im Moment fast schon wünschte, die Schnecke würde ihm jetzt doch ne Chance geben und er sei einfach zu deep in love, um sein Handy in die Hand zu nehmen.

Verdammt... Und ich hab ihn ja noch nicht mal mehr bei Facebook. Falls er da irgendwas gepostet hat...

Sehr ihr, das meine ich... Es wäre einfach so viel leichter, würde ich überhaupt gar nichts von ihm mitbekommen. Gut, dieses Mal bin ich selber schuld. Was gucke ich denn überhaupt? Das mache ich doch sonst auch nicht. Zumindest nicht oft...

Und warum hab ich überhaupt Angst um ihn? Wenn ich mal 24 Stunden nicht online wäre, würde ihm das sicher nicht auffallen...Und selbst wenn mir was passieren würde... Würde es ihn interessieren? Wohl kaum...

Warum nur hat er so eine verdammte Macht über mich? So extrem war es noch nie. Bei keinem. Es gab immer mal Menschen, die ich toll fand. So richtig toll fand. Bei denen ich das Gefühl hatte, ich könne nicht mehr ohne sie. Menschen, die mich emotional sehr, sehr tief berührt haben. Menschen, an die ich mich geklammert hatte, Menschen, bei denen mir das Loslassen schwer fiel. Aber irgendwann, irgendwann war es einfach vorbei. Meistens wurden sie ersetzt. Ja, plötzlich gab es jemand Anderen, den ich toll fand, der mich berührt hat, der meine kaputte Welt etwas erträglicher machte.

Aber... So tief wie Johannes hat mich nun mal noch keiner berührt. Das kann man nicht ersetzen. Tiefer gehts nicht. Zum Glück...

Wisst ihr, dieses behinderte Kind damals. David... Ihn habe ich losgelassen, weil es besser für ihn war. Aus Liebe zu ihm. Ich wusste, dass ich nicht nur mir, sondern auch ihm schade. Mit dieser krassen Abhängigkeit. Er war einfach mein Sonnenschein... Ein Tag vor der Beerdigung meines Vaters war ich mit Jörn in diesem besagten Kinderheim, ich war da ja selbst als Kind für ein paar Monate, während meine Mutter ihren Entzug machte. Mit 17 Jahren fingt ich dort für 1,5 Jahre an zu arbeiten und betreute unter anderem den damals vier jährigen David. Geistig und körperlich behindert. Aber so ein Strahlemann. Immer wenn er mich sah fing er an zu strahlen und lachen. Das war so echt... Ich weiß noch, wie ich das erste Mal spürte, wie sehr mich dieser kleine Kerl gefangen hatte... Er klemmte sich aus Versehen den Finger in seinem Kinderwagen ein und fing ganz doll an zu weinen. Das brach mir das Herz. Ich nahm ihn auf den Schoß und kurz darauf lachte er wieder so herzerfrischend. Das war das Schlüsselerlebnis. Immer wenn er von jemand Anderem gefüttert wurde, schaute er zu mir und streckte die Arme nach mir aus. Wenn ich mich von ihm verabschiedete, fing er oft an zu weinen... Jedenfalls hatte ich ihn seit damals nicht mehr gesehen. Seit 18 Jahren nicht. Ich war dann also vor der Beerdigung in diesem Kinderheim. Ich weiß nicht warum. Irgendwas hatte mich dahin getrieben. Hab mich mit einem Pfleger unterhalten. Alle Kinder von damals waren schon ausgezogen, nur David nicht. Der Pfleger fragte mich, ob er mich zu ihm bringen solle. Ich verneinte. Ich denke, mittlerweile hätte ich ihn sogar wieder ansehen können. Ohne rückfällig zu werden. Dafür hätte ich viele Jahre lang nicht garantieren können. Ein mal dieses Lachen sehen und zack wäre ich wieder hilflos verloren gewesen. Ich hab mich oft gefragt, wie er mittlerweile aussieht. Ich weiß es immer noch nicht. Aber er lebt noch und das ist gut. Selbst das wusste ich ja nicht. Diese behinderten Kinder haben oft keine allzu hohe Lebenserwartung.

Unter anderem wegen David hatte ich damals diesen üblen Selbstmordversuch unternommen. Ich kam selbst nicht mehr damit klar. Dass ich so starke Gefühle für diesen kleinen Menschen hatte. Ich wollte einfach für immer mit ihm zusammen sein. Hatte so große Angst davor, ihn jemals wieder hergeben zu müssen. Das war alles so krank.

Kurz darauf kam in der Klinik eine Ärztin, die ich toll fand. Die verließ irgendwann das Krankenhaus, ich war wieder total fertig. Ein Jahr lang ungefähr... Bis Frau Dr. Brenner meine Hand hielt, während ich in der Isolierzelle fixiert wurde... Ja, dann kam Frau Dr. Brenner. Nach ihrem Tod war ich wieder so hilfos und verlassen. Weiß gar nicht wie viele Jahre lang...

Dann kam der Türkenarsch. 2-3 Jahre habe ich wegen dem gelitten.

Bis 2011 Johannes in mein Leben trat. Es hat einfach bei keinem so lange gedauert. Und ich weiß einfach nicht, wie ich das kompensieren soll, was mir Johannes gegeben hat. Was das war? Das erste Mal das Gefühl zu haben, okay zu sein. Wertvoll zu sein. Willkommen zu sein. Gewollt zu sein. Und vor allem einfach mal keine Angst zu haben. Weil einfach alles so verdammt richtig war. Egal was ich tat oder sagte, es schien alles genau richtig zu sein. Ich schien richtig zu sein.
Und wie bitteschön, soll ich all das ersetzt bekommen? Wie?

Auch wenn ihr mich dafür halten müsst, ich bin nicht ganz bescheuert. Ich weiß selbst, dass es schlichtweg dumm ist, all das noch mal in ihm zu suchen. Ja, er hat mir all das mal gegeben. Tut es aber nicht mehr und wird es auch nicht mehr. Er interessiert sich nicht mehr für mich. Und selbst wenn er es tun würde? Was dann? Heute sagt er immer nur zu mir, ich solle nur Dinge tun, die mir gut tun. Und ich solle mich nicht immer so klein machen... So ein Idiot... Er ist es doch, der mich so klein fühlen lässt. Er ist es doch, der mir im Grunde genommen so gut tun könnte.
Aber auch da ist es doch so... Früher hat er gesagt, dass ich ihm so verdammt gut tue. Und heute? Er schreibt mir nicht, weil ich ihm gut tue... Er schreibt mir, weil mein Vater vor kurzem gestorben ist und ich halt für ihn da war, als seine Nichte vor 1,5 Jahren gestorben ist.
Er soll einfach da sein, weil er mich auch für wertvoll erachtet. Wertvoll für sich.

Wir begegnen uns überhaupt nicht auf Augenhöhe. Es ist noch nicht mal, weil ich ihn so richtig groß mache. Ja, ich würde halt gerne mehr über ihn erfahren. Wäre gern Teil seines Lebens. Und naja... Er möchte das nicht. Sondern halt genau das Gegenteil. Während ich ihn auch gerne an meinem Leben teilhaben lassen würde, interessiert ihn das überhaupt nicht. Wir sind einfach nicht kompatibel. Und ich weiß auch, dass ich das nicht erzwingen kann.

Was ist nur passiert? Ja, wir hatten unsere Differenzen in der Vergangenheit. Er hat mich verletzt, ich hab ihn sicher auch mit manchen Aussagen verletzt... Und dennoch... Hat er sich so verändert? Hab ich mich so verändert? Wir beide? Warum finden wir einfach keinen Zugang mehr zueinander?

Ja, ich hätte ihn gerne in meinem Leben. Aber nur, wenn er da sein will. Wegen mir da sein will. Und nicht aus Mitleid.

Und jetzt gehe verdammt noch mal online und poste meinetwegen ein Bild mit deiner Schnecke... Hauptsache dir gehts gut... Aber lass mich nicht ganz alleine...

Verdammt, was hasse ich diesen Borderline-Scheiß. Ich distanziere mich anosnsten immer davon, weil ich so nicht sein will. Aber was soll ich sagen? Ich merke es doch selbst. Ich hasse dich - verlasse mich nicht. Yip, Klischee voll und ganz erfüllt. Wenigstens schneide ich mir zu allem Überfluss nicht auch noch wieder die Arme auf...

Dreck!

Weiter, immer weiter...

Ich weiß nach wie vor, dass Johannes jegliches Interesse an mir verloren hat. Dass das nichts mehr mit mir zu tun hat. Es ist egal, was ich tue oder auch nicht tue, es ist ihm egal. Ich bin ihm egal...

So ist das, damit muss ich klar kommen. Ich weiß wie er ist, wenn er sich für eine Person interessiert. Er hatte sich mal für mich interessiert. Hatte mir so viele Fragen gestellt. Wollte so viel über mich wissen. So viel wollten bislang nur irgendwelche Psycho-Docs von mir wissen.

Wenn ich da an Jörn denke... Er stellt keine Fragen. Will nichts über mich wissen. Obwohl er weiß, dass ich mittlerweile viel über mich über meinen Whatsapp-Status preisgebe, schaut auch er ihn sich nicht an. Meine Psychotante meint, dass jeder sein Interesse anders äußert. Jörn sei schließlich immer da, wenn ich ihn bräuchte. Damit würde er mir zeigen, dass ich ihm wichtig bin.

Ach, ich weiß nicht. Ja, Jörn tut viel für mich... Ach, egal. Ich will nicht über Jörn reden. Wir sind zusammen, das schon seit fast 3,5 Jahren, ich glaube, er wird mich bald fragen, ob ich ihn heiraten will... Zumindest wollte er unbedingt meine Ringgröße wissen... Ich hab Angst vor der Frage... Ich werde "Ja" sagen... Aus vollstem Verstand... Er ist das Beste, was mir passieren konnte. Er passt auf mich auf, kümmert sich um mich, ist immer da wenn ich ihn brauche... Das ist so viel mehr als die meisten Menschen in meinem Leben je für mich getan haben.

Es wäre wirklich leichter, wenn Johannes für immer weg wäre. Eines Tages werde ich ihn wieder sehen, irgendwas über ihn hören, vielleicht sogar von ihm hören... Spätestens zu meiner Hochzeit wird er kommen. Er ist Jörns Kumpel... Sind im selben Fanklub. Ich kann ja schlecht den kompletten Fanklub einladen, nur Johannes nicht...

Er hat einfach so eine Wirkung auf mich... Kaum macht er mal irgendwas Positives, vergesse ich schon wieder all meine Vorsätze. Und ich bin auch nicht konsequent. Hab vorhin geguckt, wann er zuletzt online war. Heute Morgen um halb fünf... Das ist ungewöhnlich. Er ist auch so ein Handy-Suchti. Bin hin und her gerissen... Vielleicht ist er ja bei seiner Schnecke und sie hat ihn so sehr im Griff, dass er noch nicht mal mehr auf sein Handy guckt... Das würde mich fast schon erleichtern. Könnte ja schließlich auch sein, dass ihm was passiert ist...
Damit schade ich mir nur selber. Ich darf nicht mehr gucken. Ich werde es versuchen.

Was kann ich tun, damit es für mich leichter wird? Wisst ihr, was mir auch aufgefallen ist? Ich kann den Tod meines Vaters wieder sehr gut zur Seite schieben. Fühle wieder kaum was, wenn ich daran denke. Und im Moment komme ich ja auch mit Johannes emotional recht gut zurecht. Kann mir durchaus vorstellen, auch ohne ihn zu leben. Und dann ist dann da irgendwann wieder dieser Punkt... An dem mir mein Dad so sehr fehlt und auch Johannes. An dem ich mich einfach so scheiße klein, schwach, alleine und verlassen fühle. Ich muss beim nächsten Mal drauf achten, durch was dieses Gefühlshaos ausgelöst wird... Durch was dieser Gefühlswechselt ausgelöst wird.

Fakt ist, Johannes ist weg. Genauso wie mein Dad. Mit dem Unterschied, dass mein Vater gestorben ist. Er ist nicht wegen mir gegangen. Er hätte mich nie alleine gelassen. Im Gegensatz zu Johannes. Er lebt, ich lebe... Ich würde am liebsten alles über ihn wissen, würde am liebsten jeden Tag wissen, was er so tut, was er denkt, was er fühlt, wie es ihm geht... Er hingegen... Ach lassen wir das.

Ich werde mich nach wie vor auf meinen Sport konzentrieren. Nächsten Monat findest ein Stadtlauf statt. Mein erster. Dafür werde ich trainieren. Heute Morgen hatte ich schon mal einen guten Start. Ich konnte in letzter Zeit ja nicht mehr allzu regelmäßig laufen gehen. Zu viele Flyer und Zeitungen. War wenn dann zwar sehr weit (um die 18 Kilometer), aber halt auch sehr langsam (um die 8,5 km/h) unterwegs. Heute Morgen habe ich die 5 Kilometer zumindest wieder unter 30 Minuten geschafft. Und das obwohl ich dachte, ich könne gar nicht mehr schnell laufen.

Ich brauche einfach neue Ziele, neue Herausforderungen, muss mich meinen Ängsten stellen, sie überwinden und dadurch mein Selbstwertgefühl steigern. Ich bin mein größter Gegner. Ich vergleiche mich immer mit anderen Menschen, verliere sämtliche Vergleiche. Kann irgendwie nichts so richtig gut. Da bin ich einfach oft chancenlos und das tut nichts für mich. Dadurch fühle ich mich nur noch beschissener. Also bleibt nur der Wettkampf gegen mich selbst. Stärker sein als mein größter Gegner und der lautet nun mal Angst. Immer. Vor allem. Vor jedem. Ja. Für viele kaum sichtbare Erfolge, für mich die größten Pokale, Titel, Medaillen, die es nur geben kann.

Ich werde es schon eines Tages schaffen... Hoffe ich...