Sonntag, 26. März 2017

Es ist schwer

Ich traue mich nicht zu trauern. Ich mag es einfach nicht zulassen. Ich hab seit nahezu fast zwei Wochen kaum geschlafen, bin ständig unter Strom... Schlafe wenig und wenn, dann sehr schlecht. Ich kann kaum ruhig sitzen, versuche ständig irgendwas zu machen. Hab sogar schon begonnen, die Schränke auszuräumen und auszumisten...

Ich hab Angst davor, Gefühle zu zu lassen. Ich kann mit Abschied, Trennung, Tod und so weiter nicht umgehen. Ich hab ein altes Tagebuch gefunden... Es liegt hier... Ich hab Angst davor, es JETZT zu lesen... Mag nichts über meinen Dad lesen. Ich frage mich, wann wir uns verloren und wann wieder gefunden haben. Er war so wichtig für mich. Als ich klein war. Irgendwann hatten wir uns dann komplett verloren. Vielleicht war das, als ich einfach mit all meinen Geschichten nicht mehr klar kam und nicht mehr so "funktionierte", wie er das gerne gehabt hätte. Wie sie es alle gerne gehabt hätten und wie nun mal der Weg für mich vorgesehen war. Ja, ich hatte vielleicht das Potenzial dazu, Abi zu machen und zu studieren. Ich war immer die Fleißige und Ehrgeizige. Bis zu dem Punkt, als mich das alles einfach nicht mehr interessierte. Ich die Schule begann scheiße zu finden und einfach nicht mehr hin bin. Der Zeitpunkt, als ich einfach für niemanden mehr erreichbar war. Mich keiner mehr greifen und halten konnte. Ich einfach so entsetzlich alleine war. So unverstanden. Ich weiß nicht, ob es damals ein bestimmtes Ereignis mit meinem Dad gab. Vielleicht war es damals wirklich die Ohrfeige... Er hatte uns Kindern mal versprochen, uns niemals zu schlagen. Bei mir hatte er es dann doch getan. Wegen einer Lapalie... Wirklich wegen nichts... Ausgerechnet mir hatte er eine verpasst... Seinem Töchterlein. Der Schlag war nicht fest, das konnte meine Mutter um Längen besser, aber sie hat verdammt weh getan. Ja, vielleicht hatte dieser eine Schlag mein Vertrauen in ihn zerstört.

Ich weiß nicht so recht, wann dann der Zeitpunkt kam, an dem ich begriff, dass ich ohne ihn meine Kindheit nie überlebt hätte. Als ich begriff, wie wichtig er für mich war alZugriffsquellens Kind. Wahrscheinlich in der Traumaklinik... Keine Ahnung.

Wenn ich daran denke, was er in den letzten 2-3 Jahren alles geleistet hat... Hatte meine Mutter gepflegt... Hatte all seine eigenen Beschwerden so hinten angestellt. Hatte nie gejammert oder sich beschwert. Nur letzten Monat... Da ließ er sich mit starken Rückenschmerzen ins Krankenhaus einweisen. Bekam starke Medikamente... Die Ärzte untersuchten ihn und sagten, er hätte nichts. Er solle sich mehr bewegen. Ich hatte die ganze Zeit gesagt, dass ich das nicht glaube. Nicht bei meinem Dad. Der nie jammert. Wenn er sagt, er hat Schmerzen, dann hat er auch Schmerzen. Ich glaube ja mittlerweile, dass er vielleicht Lungenkrebs oder so was hatte. Der Arzt, mit dem ich in der Nacht von Montag auf Dienstag über eine mögliche Organspende meines Vaters sprach, erwähnte, dass die Lunge komischerweise auch nicht mehr in Ordnung sei und für eine Spende wohl auch nicht mehr zur Verfügung stehen würde... Die Lunge war eigentlich immer in Ordnung... Er hatte seit Monaten diesen Husten... Der Arzt schob diesen auf seinen früheren Nikotinkonsum...

Ich glaube mittlerweile, dass er in den letzten Jahre so viel mehr geleistet hat, wie wir alle auch nur geahnt haben. Für mich ist er im wahrsten Sinne des Wortes einen Heldentod gestorben. Hat all seinen eigenen Scheiß so sehr zurückgestellt und sich nur auf meine Mutter konzentriert. Ja, für mich ist er ein Held. Und es tut mir so leid, dass ich das irgendwie nie so recht zu würdigen wusste. Doch, das wusste ich. Hatte ich ihm auch oft gesagt. Aber ich wusste nicht, wie viel er wirklich leistet.

Und dann ist da Johannes... Der mir plötzlich regelmäßig wieder von sich aus schreibt. Der mich wieder näher an sich ran lässt. Der nicht mehr so einfach abhaut. Der mir Fragen beantwortet. Nicht über uns... Ich schreibe auch nichts über damals... Obwohl es wohl kaum einen anderen gibt, der besser weiß, wie schlecht ich mit so was umgehen kann... Er sagt, dass ich mich nicht so klein machen soll, ich würde es schaffen. Mein Paps wäre stolz auf mich. Und mein Papa sei nicht der einzige, der stolz auf mich sei... Ich darf ja nicht mehr interpretieren und werten, aber ich glaube, Johannes meint sich selbst... Das Ding ist... Ich glaube ihm plötzlich seine Worte wieder. Egal was er schreibt... Ich hinterfrage im Moment nichts. Ich glaube ihm. Weil... Weil er einfach da ist. Ohne dass ich ihn darum bitte. Damals... Als er mich einfach alleine gelassen hat... Als es mir so richtig scheiße ging... Ich hätte ihn so sehr gebraucht. Er war nicht da. Innerlich hab ich ihm das immer vorgeworfen. Dass es ihm einfach scheißegal war, wie es mir ging... Vielleicht war es das ja auch sogar... Aber dass er jetzt für mich da ist... Einfach so... Nach allem was war. Trotz allem was war... Das werde ich ihm nie vergessen. Das würde er nicht tun, wäre ich im so völlig egal. Wäre ich der unwichtigste Mensch in seinem Leben. Hätte ich ihm niemals was bedeutet. Als ich damals für ihn da war... Nachdem seine Nichte gestorben war... Ich wäre so gerne noch viel mehr für ihn dagewesen. Dachte aber ja auch oft, ich würde ihm auf den Sack gehen... Und das wollte ich ja nicht (mehr)... Tat ich aber auch nicht. Er hat es auch nicht vergessen. Dass ich da war, als ihn jemand anderes verlassen hat. Und ich glaube wirklich, dass uns diese Geschichte endgültig helfen wird, die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen. Uns Beiden helfen wird. Dass er jetzt, in dieser schwierigen Zeit für mich da ist, das macht so vieles Andere so unwichtig. Ich weiß, dass sich unsere Wege auch wieder trennen werden. Ich selbst hab das Gespräch vorhin beendet und ihm noch nen schönen Abend gewünscht. Komischweise aber auch nur, weil ich plötzlich wieder darauf vertraue, dass es nicht für immer ist. Ganz komisch...
Aber es fühlt sich gut an. Wenigstens das fühlt sich gut an.

Hmm. Mein Papa war kein einfacher Mensch. Das war er absolut nicht. Aber im Vergleich zu meiner Mutter... Er hat mich nicht so kaputt gemacht wie sie. Er hatte Schwierigkeiten damit zu lieben und geliebt zu werden... Aber bis auf das eine mal hat er mich nie geschlagen. Hatte seinen Frust nicht so oft an mir ausgelassen. Hat meine Brüder nicht anders behandelt als mich... Ich war einfach immer ein Papa-Kind. Und dass er jetzt so einfach nicht mehr da ist... Aus heiterem Himmel. Dass er nie wieder kommen wird... Das ist einfach scheiße.

Freitag, 24. März 2017

Vaterlos...

Ich bin wieder Zuhause... Was für ein Ort... Zuhause... Wo ist das schon? Jedenfalls bin ich wieder in meiner eigenen Wohnung.

Hab die Beerdigung wider Erwarten recht gut überstanden. Der Pfarrer hat mich nicht berührt. Man hat mit jedem Wort gespürt, dass er meinen Vater nicht kannte. Selbst als er erzählt hat, dass ich für meinen Papa das Ein und Alles war... Das hatte dieser Typ nie erlebt und das war deutlich spürbar.

Wir hatten eine schöne Urne ausgesucht. Weiß, mit Wasser und Strand darauf. Mein Dad ist doch früher mal zur See gefahren. Das hätte ihm gefallen. Und ich hab ihm ein Lied von Freddy Quinn ausgesucht. Er war kein Kirchengänger und hätte mit all diesen christlichen Gebeten und Liedern auch nichts anfangen können. Mit Freddy schon. Ja, das hätte ihm gefallen. Ihn auf seiner Beerdigung zu hören.

Wie geht es mir? Ich mache es gut. Aber... Ich bin auch nicht alleine. Jörn weicht mir kaum von der Seite. Ich bin einerseits so genervt. Von ihm. In all den Jahren war ich nie so genervt wie jetzt grade. Weil ich eigentlich alleine seine möchte. Mein Papalein ist grade gestorben. Ich hatte noch keine Zeit das zu verstehen und zu fühlen. Aber wie gesagt, ich bin auch nicht alleine. Als Frau Dr. Brenner und Johannes gingen war ich alleine... Und ich hab es kaum geschafft. Ja, wäre ich alleine, würde es mir nicht so "gut" gehen. Ich kann nicht sagen, dass mir Jörns Nähe grade wirklich gut tut oder dass ich sie wirkich haben möchte. Es ist mehr so ein "reiß dich zusammen und sei tapfer". Ob das jetzt wirklich auf Dauer die Rätsels Lösung ist, weiß ich auch nicht. Ich kann mit dem Tod nicht umgehen. Ich hab in den letzten Monaten einiges verloren, vor allem meinen Autorenjob. Immer und immer wieder hab ich mir da gesagt: Zeig was du gelernt hast. Und das hat gut funktioniert. Aber jetzt? Jetzt ist mein Vater gestorben. Das kann man nicht mit irgendeinem Job vergleichen.

Ich hab auch noch nie jemandem beim Sterben zugeschaut. Hab noch nie jemanden dabei gehalten und mit ihm gesprochen. Schon gar nicht meinen eigenen Vater.

Ich habe jetzt ein neues Auto. Sein Auto. Das er sich letztes Jahr gekauft hatte und auf das er so stolz war. Und jetzt gehört es mir. Alleine das überfordert mich. Weil ich weiß, wie viel ihm dieses Auto bedeutet hat. Wie gern er damit gefahren ist...

Ich hatte von ihm geträumt vorletzte Nacht. Es war schlimm. Nicht der Traum ansich. Aber dass er mit mir gesprochen hat. Dass ich ihn gehört habe. Und wusste, ich werde ihn nie wieder sprechen hören.

Und dann... Das Absurdeste überhaupt... Johannes kümmert sich um mich. Sagt, dass ich für ihn da war, als seine Nichte gestorben sei. Das hätte und würde er mir nie vergessen. Er macht nicht viel. Aber er ist "da". Schreibt mir hin und wieder, lässt mich ein wenig an seinen Gedanken und Gefühlen teilhaben... Und das Verrückteste überhaupt... Ich hab ja die Grabstelle von meinem Vater ausgesucht. Was ich dabei aber nicht gesehen hatte... Direkt hinter ihm, also Kopf an Kopf liegt eine Familie mit dem selben Nachnamen wie Johannes ihn trägt. Und dieser Name kommt nicht so häufig vor. Ich kenne sonst keinen, der so heißt... Das ist verrückt, oder? Das hatte ich erst zwei Tage später oder so gesehen. Da ist ein Busch dazwischen... Dass Johannes mir in dieser Zeit überhaupt geschrieben hat... Er hatte mir damals als seine Nichte gestorben ist geschrieben, dass er mich lieb hat. Und jetzt weiß ich, dass er das in dem Moment tatsächlich so gefühlt hat. Weil es mir in den letzten Tagen genauso ging. Ich hab lange nicht mehr so viel Liebe und Wärme für diesen Kerl empfunden. Einfach nur dafür, dass er da war. Er hatte geschrieben, dass ich ihm jederzeit schreiben darf, wenn mir danach ist. Ich hab es nicht getan. Er hatte sich von alleine dann wieder gemeldet. Er schaut sich jeden Tag meinen Status bei Whatsapp an. Alleine, dass er das tut... Er braucht mir nicht zu schreiben. Aber zu sehen, dass er nach mir schaut... Das tut mir gut.

Wir hatten uns nach dem Tod von Robert Enke kennen gelernt. Verrückt, dass uns der Tod immer wieder näher zusammen zu bringen scheint.

Ich konnte mit meinem Papa in den letzten Jahren nicht mehr so viel "anfangen". Er tat sich mit dem Sprechen schwer. Nach einem Hirnschlag vor 40 Jahren konnte er gar nicht mehr sprechen, er hatte es sich einigermaßen wieder beigebracht. Aber ein Austausch fand kaum statt. Und dennoch... Ohne ihn... Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre. Meine Kindheit ohne ihn... Ich hatte ihm einen ganz langen Brief geschrieben und ihn mit in den Sarg gelegt. Vielleicht veröffentliche ich ihn eines Tages mal hier.

Fällt er einfach um und ist tot. So hätte er sich das gewünscht. Für ihn ja auch völlig unvorbereitet. Von der einen auf die andere Sekunde tot. Aber schon krass... Diese ganzen Szenen im Krankenhaus. Wenn man selbst noch gar nicht checkt, dass er echt nur noch dank der Maschinen lebt. Dass er überhaupt nur noch wegen mir am Leben erhalten wird, damit ich ihn nochmal sehe. Wie die Schwestern und Ärzte im Krankenhaus mit einem umgehen. So liebevoll. Die wissen schon, dass das alles ganz Schlimm ist. Ich hatte fast das Gefühl, ich müsse sie trösten... Dann liegt er da. Diese Schläuche, das blaue Auge... Nicht vom Sturz, sondern durch die innere Blutung, die bis nach vorne drückt. Dennoch sieht man ihn ja atmen, der Brustkorb bewegt sich. Er sieht aus als würde er schlafen, träumen und morgen würde er einfach wieder aufwachen. Nichts sieht nach Tod aus. Nichts. Gar nichts. Und trotzdem weiß man, dass in ein paar Stunden die Maschinen abgestellt werden.

Dann um halb neun das Gespräch mit dem Arzt. Er sagt, dass er noch nicht zu 100 Prozent hirntot ist, dass er in ein schweres Koma verfallen ist. Plötzlich diese Hoffnung. Klingt ja dann gar nicht so schlimm... Koma klingt so, als würde er wieder aufwachen. Und nicht ganz tot klingt auch okay... Doch dann folgt der Satz: Aus medizinischer Sicht macht es keinen Sinn mehr, die lebenserhaltenden Maßnahmen fortzusetzen. Da hatte ich es zum ersten Mal begriffen. Und musste weinen.
Dann steht man an dem Bett. Den Schlauch hat er immer noch im Mund, für den Fall, dass er doch noch mal "zuckt" und dabei die Zunge verschluckt. Erklärt uns der Arzt... Wir schauen zu, wie er den Stecker im wahrsten Sinne des Wortes zieht. Man sagte uns, es würde nicht mehr lange dauern, weil die Funktionen bei meinem Dad schon sehr eingeschränkt sind. Wir starren den Monitor an. Zahlen nichts als Zahlen. Denkt irgendwie, das zählt einfach runter. Wie so ein Countdown. Ich blicke nicht, auf welche dieser Zahlen ich achten muss... Konzentriere mich auf meinen Dad. Streichle seine Haare, seine Schulter. Plötzlich piepst es. Meine Schwägerin, gelernte Krankenschwester, drückt einen Knopf, es piepst nichts mehr. Ich schaue wieder die Zahlen an... Erkenne keine "Null"... Dann wird er wohl noch leben. Er verändert sich nicht... Doch... Seine Lippen werden blau. Das liegt daran, dass die Sauerstoffzufuhr jetzt nicht mehr so richtig funktioniert, erklärt uns meine Schwägerin. Die Zahlen verändern sich... Er nicht... Außer die Lippen. Ich küsse ihn auf die Wange. Bevor die Leichenstarre einsetzt. Ich hatte bereits ein mal eine Leiche geküsst, den Geschmack hatte ich noch Monate lang auf den Lippen. Dieses Mal wollte ich schneller sein. Aber noch hat keiner das offizielle Ende eingeläutet. Dann atmet er wohl immer noch. Wie lange denn schon? Sie sagten, es geht schnell. Ich sehe mir fast schon das Ende herbei. Ich hasse Warten... Dieses dastehen und auf den Tod warten ist noch beschissener als auf meine Zeitungen zu warten... Dann kommt wieder der Arzt rein und sagt: "Jetzt ist er von uns gegangen." Schnell küsse ich meinen Dad noch mal auf die Wange, in der Hoffnung, dass ich noch schneller bin als der Leichengeschmack. Ich muss hier raus. Schnell. Gehe zur Türe. Schaue ihn noch mal an. Da liegt er also... Mein toter Vater. Die Schwester schaut mich liebevoll an. Sagt: "Es ist halt der Papa." Ich nicke. Weine ich? Ich weiß es nicht. Ich bedanke mich bei ihr. Und ihren Kollegen. Sie waren alle sehr einfühlsam.

Ich gehe hinaus... Das war es also. Mein Vater ist jetzt tot. Von uns gegangen. Von mir gegangen. Wortlos. Regungslos.

Wie fühlt es sich an, wenn der Vater tot ist? Wie müsste es sich anfühlen? Was sollte man fühlen? Ich weiß es nicht. Ich versuche im Moment nichts zu fühlen. Ich hab Angst davor, dass es mich überfordert. Ich kann mit dem Tod nicht umgehen.

Und ich weiß, dass mein Dad sich jetzt Sorgen um mich machen würde. Dass er Angst hätte, dass ich es nicht schaffe. Und wäre er noch am leben, dann würde mich das so wütend machen. Ich bin groß und stark. Und ich würde ihm gerne die Sorgen nehmen. Das wollte ich bei Frau Dr. Brenner auch. Ganze sechs Wochen lang hatte ich es geschafft. Danach war ich in der Klapse. Hmm.

Ach Papalein...

Dienstag, 14. März 2017

Und plötzlich steckt man mittendrin...

Ich hab oft geschrieben, dass meine Eltern bald sterben werden. Dass ich mich damit noch nicht beschäftigen möchte...

Tja. Mein Dad ist tot. Aus heiterem Himmel. Gestern Abend um halb sieben habe ich davon erfahren. Dass er gestürzt ist. Drei Stufen die Treppen hinunter. Rückwärts. Wegen eines Schwindels, Schlaganfalls, Herzinfarkts... Wer weiß das schon und wen interessiert das jetzt schon noch? Er ist direkt auf den Hinterkopf gefallen. Ohne Gegenwehr. War sofort weg. Diese blutverdünnenden Mittel, die er wegen seines Herzens nehmen muss waren schuld. Eine kleine Beule und zack fließt das Blut. Sekundenschnell... Er war zunächst nur hirntot. Sie haben ihn an Maschinen angeschlossen, damit auch ich die 600 Kilometer noch zu ihm fahren kann. Ihn noch "lebend" sehe. Heute Nacht um halb drei kam ich im Krankenhaus an...

Es ist so viel passiert in den letzten Stunden. Heute Morgen gegen 9.30 Uhr wurden die Stecker gezogen. Er hat es noch ne halbe Stunde alleine geschafft. Danach war es vorbei.

Ich bin noch nicht in der Lage, genauer zu berichten. Das schaffe ich im Moment noch nicht. Ich hab geweint. Viel geweint. Währenddessen. Ich war noch nie in einer Situation. Hätte nie gedacht, dass ich jemals in so eine Situation komme. Ich war nicht vorbereitet. Ich bin im Funktionsmodus. Jörn sagt, ich sei sehr tapfer. Ich funktioniere.

Morgen Früh geht's zum Bestatter. Anfang nächster Woche ist die Beerdigung. Soll sie sein. Eine Urnenbestattung. Wollte ich nie, mein Dad schon. Ich weiß, dass ich es nicht ertragen werde. Ich hasse Urnen. Zu sehen, wie dieses kleine, kalte Ding in der Erde verschwindet. Dieses kleine, kalte Ding, in der die Reste meines Dads sind. Das wird mich überfordern. Da kann ich nicht funktionieren. Ich werde die Kontrolle verlieren. Vor all diesen Menschen. So viele fremde Menschen.

Mein Dad ist tot. Ich war früher so ein Papakind. Ohne ihn... Meine Kindheit war nicht schön. Aber ohne ihn wäre sie nicht auszuhalten gewesen.

Ich kann noch nicht darüber schreiben. Fakt ist, mein Dad ist tot. Und er wird nicht mehr wieder kommen. Verstehen... Verstehen kann ich es allerdings nicht. Schon gar nicht fühlen.

Nur funktionieren, das geht. Noch

Donnerstag, 9. März 2017

Time to say goodbye

Mal wieder...

Eigentlich lief es gut heute bei meiner Psychotante. Wir haben über Johannes gesprochen. Wie immer in den letzten Wochen und wir kamen beide zu dem Schluss, dass ich Fortschritte mache. Emotionale Fortschritte. Dass es nicht mehr um Schuld geht. Dass ich zwar nach wie vor nicht mit ihm umgehen kann, aber dass das weder seine noch meine Schuld ist. Es geht halt einfach nicht. Und das tut mir leid. Leid für ihn, leid für mich. Ich würde es gerne können, kann ich aber nicht. Er ist der Mensch, der mich so tief berührt hat wie kein anderer je zuvor. Er ist der Mensch, bei dem ich mir nach wie vor die meisten Gedanken darüber mache, was ich tue, was ich sage... Und ich weiß bei allem was ich tun würde, dass ich mich abhängig von seiner Reaktion machen würde. Seine Reaktion darauf würde mich an meinen Worten zweifeln lassen. Sie in Frage stellen. Und selbst wenn er mal antworten würde... Dann würde mir eine Antwort nicht reichen. Ich würde mehr wollen, ein längeres Gespräch, mehr Informationen, mehr Nähe... Und solange all das so ist... Geht es einfach nicht. Die Impulse sind nach wie vor da, um auf manche Dinge zu reagieren. Ihm manche Dinge zu sagen. Nichts mehr über mich. Dinge, die ich über ihn erfahre... Ihm zum Beispiel zum Nichtraucher-Status zu gratulieren, den er nunmehr seit über einem halben Jahr besitzt. Aber es geht nicht. Ich hab ihn lieb. Das hab ich. Ich hab lange versucht, dass es nicht so ist. Hab versucht, ihn irgendwie zu hassen. Er hat so viele Eigenschaften, die mir überhaupt nicht gefallen. Und dennoch... Dennoch hat er mich auf eine Art und Weise berührt, wie noch keiner zuvor.

Meine Psychotante meint, dass ich auf mein Gefühl von damals vertrauen könne. Ich hätte ein gutes Gespür für Menschen. Ich meinte, dass ich ihnen deswegen also ständig aus dem Weg gehe und am liebsten alleine bin. Sie meinte, dass ich sehr schnell merken würde, welche Menschen gut für mich sind und welche nicht. Dass ich auch genau deswegen den Menschen ständig aus dem Weg gehen und nur ganz wenige in meine Nähe lassen würde. Weil es sehr anstrengend sei. Wenn ich Zeit mit Menschen verbringe, bei denen ich die ganze Zeit spüre, dass wir nicht harmonieren und auch nie harmonieren werden.

Tja... Das Gespräch war gut... Bis wir uns verabschiedet haben und sie mir im Gehen erklärte, dass wir nur noch zehn Sitzungen haben und es danach vorbei ist. Ich solle mal darüber nachdenken, ob wir die Abstände zwischen den Gesprächen verlängern wollen, damit das Ende nicht so abrupt kommt.
Puh... Zugegeben, ich bin damals nur wegen der Rentenversicherung hin. Damit ich dem Gutachter beim nächsten Mal was vorweisen kann. Und ich hatte die ersten Gespräche überhaupt keine Lust auf diesen Quatsch... Aber die letzten Gespräche... Sie haben mir gut getan. Ich hatte wirklich das Gefühl, ich komme voran. Ja, ich dachte, es tut mir gut. Aber wenn ich jetzt weiß, dass es bald zu Ende ist. Dass ich mal wieder verlassen werde. Dass ich schon wieder so viel von mir preis gegeben habe... Ja ich weiß, ich kann selbst entscheiden, wie sehr ich die letzten zehn Gespräche noch nutze... Aber... Ich hab ne Störung was dieses Verlassen werden angeht. Ich kann damit nicht umgehen. Und ich werde mir das auch keine zehn Mal jetzt noch antun. Ich kehre zurück zum Anfang. Plichtaufgabe, damit ich meine Rente weiterhin bekomme. Ich werde keine Emotionen oder Vertrauen mehr in diese Beziehung stecken. Nur noch mich selbst schützen. Den Abschied bereits jetzt vollziehen. Jetzt hab ich es noch selber in der Hand.

Ich war Jahre lang ambulant bei Frau Dr. in Behandlung. Warum ging das denn da? Ich war da echt acht Jahre oder so am Stück. Da war die Krankenkasse nie ein Thema. Kosten oder Geld...

Tja... Ich hasse es.

Samstag, 25. Februar 2017

Am Rande des Wahnsinns

Ich komme nicht mehr klar. Weine so unendlich viel. Ständig. Aus heiterem Himmel. Egal wann, egal wo, ich fange plötzlich an zu weinen.

Ich weiß noch nicht mal so recht warum. Es ich noch nicht mal so recht wegen Johannes. Also doch schon. Aber anders. Nicht (mehr), weil er weg ist. Ich hab ihm damals nicht all zu viel bedeutet, das muss man akzeptieren. Muss ich akzeptieren. Sicher auch nicht meine Stärke. Nein, mit Ablehung kann ich nicht umgehen. Aberr was mich grade so völlig aus der Bahn wirft. Wäre ich bei der Reise dabei gewesen... Ich hätte nicht mit Johannes umgehen können. Weil ich alles bin nur nicht ich. Wer weiß schon, wer oder was ich wirklich bin. Aber bei ihm... Ich bin ständig so konzentriert. Noch viel ernster als eh schon. Hinterfrage ständig alles. Ihn, mich... Vermische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kann nichts einfach so stehen lassen.

Kein Wunder, dass der keinen Bock auf mich hat. Aber ich kann es auch nicht ändern. Aber richtig ist schon, dass er alles falsch macht. Alles falsch machen muss. Weil ich nichts annehmen kann. Nichts einfach so stehen lassen kann.

Und ich weiß, dass ich das nicht lernen kann. Wie viele Chancen hat man in so einem Prozess? Für ihn bin ich so, wie ich halt zu ihm bin. Er weiß nicht, was in mir vorgeht. Was auch besser so ist. Aber... Ich bin die ganze Zeit - seit Jahren - immer und immer wieder total komisch zu ihm. Er denkt ja, ich bin wirklich so. Muss er ja auch denken.

Ich wäre so gerne "frei". Wäre gerne dabei gewesen bei dieser Reise. Hätte mich freuen können, ihn nach so langer Zeit mal wieder zu sehen. Hätte mich nach seinem Wohlbefinden erkundigen können. Hätte mir meinen Rüffel abholen können, weil ich die Ultras so scheiße finde, dass ich wegen denen nicht mehr zum Fußball fahre.

Aber statt dessen... Ich hätte mich noch nicht mal gefreut, ihn zu sehen. Hätte ihn kühl begrüßt, wie ich ihn immer begrüße. Hätte vielleicht neben ihm gestanden, hätte nicht gewusst, was ich sagen soll. Hätte auf seine Frage wie es mir geht mit "alles gut und selbst?" geantwortet... Da gab es diese zwei Szenen... Als er mich das gefragt hatte... Ein mal fing ich fast an zu weinen, konnte nichts sagen. Noch nicht mal mehr "alles gut". Er umarmte mich, hielt mich fest. Um uns waren so viele Menschen. Er ließ mich los und sagte, dass er mir am nächsten Tag schreiben wird. Er tat es. Fragte, ob er sich Sorgen machen müsse... Noch an diesem Tag ließ ich mich freiwillig auf die Geschlossene einweisen...
Das andere Mal... Ich sagte "alles gut", er sah mich an und sagte: "das stimmt nicht." Ich fragte, ob ich ihm denn jetzt meine ganze Lebensgeschichte erzählen soll. Er meinte, dass er mich ja auch so schon ein bisschen kennen würde. Danach sagte er noch: "Ich hab dich lieb." Ich starrte ihn ungläubig an. Er meinte: "Das ist so." Ich sagte daraufhin, dass sich das aber nicht so anfühlt, wenn er nie auf meine Nachrichten antwortet. Er kam dann bei einem anderen Spiel extra deswegen noch mal auf mich zu. Er war betrunken... er sagte: "Du willst wissen, warum ich nicht antworte? Weil ich so bin. Ich bin einfach so."
Wie viele Jahre ist das jetzt her? Ewig...

Jörn erwähnte noch beiläufig, dass Johannes mit ner gemeinsamen Freundin telefoniert hatte. Eine seiner Schnecken. Läuft aber wohl schon länger nichts mehr. Von ihr weiß ich. Sie ist toll. Sie hätte ich irgendwie "akzeptieren" können. Nicht nur akzeptieren müssen. Auch da... Würde er mich anrufen... Ich würde sterben und nicht annehmen. Vor kurzem regte ich mich noch fürchterlich auf. Er rief Jörn an, weil er etwas über eine Sache wissen wollte, die ich mitorganisiert habe. Es ging um so eine Fanartikel-Aktion. Ich hatte ihm sogar so ein Utensil besorgt, hab die Kohle für ihn überwiesen... Und da fragt er bei Jörn nach und nicht bei mir?! Etwas, was ich immer noch nicht verstehe. Aber seitdem mir klar ist, dass ich gar nicht mit ihm telefonieren hätte können...

Ob er das weiß? Gewusst hat? Und deswegen so ist? Man kann ihm vorwerfen was man will. Aber er hat ein gutes Gespür für so was. Wohl ein positiver Nebeneffekt, wenn man so viele Weiber hat(te)...

Ja... Es ist egal, was er tut oder nicht. Weil ich einfach mit nichts davon umgehen kann und klar komme. Ich hab es mir so sehr gewünscht, dass wir irgendwann wieder in irgendeiner Form zueinander finden. Nochmal... Ich rede nicht von Beziehung. Aber er war mir mal so wichtig, ich wollte ihn nie verlieren. Ich wollte einfach ein Stück von ihm behalten. Wenn nicht als Partner, dann als Freund. So abgedroschen das nun mal auch klingt.

Aber ich kann es nicht. Ich muss aufgeben. Alles andere macht mich kaputt. Setzt mich ständig unter Druck. Ich will ja "normal" zu ihm sein. Aber wenn ich normal bin, dann bin ich nicht mehr ich. Und genau das war es doch, was uns damals so ausgezeichnet hat. Also zumindest für mich. Dass ich bei ihm damals so verdammt frei war. Mir keine Gedanken gemacht habe, über nichts und niemanden. Keine Angst hatte.

Tja... Ich bin traurig, spüre, wie der Selbsthass immer stärker wird. Ich kann nicht mehr. Und morgen fahre ich zu Jörn... Das kann ja lustig werden. Zumal ich ja auch da wieder auf dem Trip bin, dass er eigentlich Eine verdient hätte, die viel besser zu ihm passt. Die all das mit ihm teilt. Die Fußballreisen, den Alkohol, von mir aus auch die Begeisterung für Johannes... Aber das Ding ist... Er hatte ne geile Reise. Ja, er hatte sie ohne mich und mit mir hätte er wieder auf so vieles verzichten müssen... Durch meine Unlust hätte ich auch ihm den Spaß verdorben. Klar könnte ich ihm das so sagen... Könnte den Streit herbei provozieren. Stattdessen hab ich ihm gesagt, dass ich mich freue, dass er ein paar schöne Tage hatte und er bitte seine Karten auch in der nächsten Saison behalten soll. Ich kann ihn bei so was nicht begleiten, dass sollte ich ihm wenigstens den Spaß lassen...

Und dennoch... Ich weiß nicht, wann ICH ihn zuletzt so glücklich gemacht habe... Und mit mir hätte er auf dieser Reise nicht so viel Spaß gehabt.

Auch das trägt nicht grade zu einem guten Gefühl bei...




Freitag, 24. Februar 2017

Es könnte so einfach sein...

Jörn war die letzten Tage in Sachen Fußball unterwegs. War viel mit Johannes zusammen, sie sind sogar gemeinsam geflogen... Es war das erste Mal, dass ich nicht dabei war. Und wieder dreht sich alles in mir. Die kleinen Kinder weinen, weil sie gemeinsame Zeit mit ihm verpasst haben. Denken, dass sie ihm in der Zeit zeigen hätten können, dass sie sehr wohl liebenswert sind. Der Trotzkopf gibt zum Besten, dass es gut war, dass er nicht da war, er hätte doch eh wieder nur irgendeine Schnecke am Start gehabt...

Und ich? Ich halte das alles nicht mehr aus und denke: Haltet doch einfach alle nur die Schnauze. Was soll ich auch sagen? Den Kindern, dass keine gemeinsame Zeit irgendwas ändern würde? Schon gar nicht jetzt. Noch nicht. Wir haben es schon so oft versucht. Es gab so viele Gelegenheiten... Egal was wir getan oder nicht getan haben, es hat nichts geändert. Und diesem Trotzkopf... Ja, hätte sein können. Und wenn er die Stewardess im Flieger flach gelegt hätte...

Dieses Fußball-Ding. Jörn hatte die Reise ohne mich so sehr genossen. Das Erlebnis Fußball. Er kam so glücklich zurück. So hatte ich ihn lange nicht gesehen. Ursprünglich wollte auch er in der kommenden Saison seine Karten abgeben... Nachdem ich ihn aber heute so gesehen habe... Ich habe ihn gebeten, es nicht zu tun. Das ist einfach voll sein Ding. Er brennt dafür. Das kann und will ich ihm nicht weg nehmen. Mich hingegen... ich rege mich immer noch über all diese Ungerechtigkeit dort auf. Kann mich über Siege nicht mehr freuen. Lese keinerlei Berichte mehr über den Verein. Bekomme nichts mehr mit und interessiere mich auch nicht mehr dafür.

Für Jörn wäre eine aus diesen Fußball-Kreisen besser. Die all das mit ihm lebt. Das hätte er verdient.

Ich fühle mich so einsam. So falsch, so unrichtig, so... Ich weiß gar nicht wie. So nicht dazu gehörig. Noch nicht mal verlassen oder so. So fremd. Man steht dabei, aber gehört doch nicht dazu. Versteht nicht, worüber die anderen reden, weil man den Inhalt nicht kapiert. Wird nicht beachtet. So ausgegrenzt und ausgeschlossen.

Ich sollte irgendwas für mich tun. Mich selbst trösten oder so. Aber das Ding ist... Ich weiß noch nicht mal, was mir gut tut.

Es wäre so einfach, wenn ich nicht so verdammt kompliziert und kaputt wäre. Wenn ich all diese Ungerechtigkeit besser akzeptieren könnte, wenn ich diese besoffenen Menschen besser ertragen könnte, diese Lautstärke und Enge, die nun mal beim Fußball so herrscht. Wenn mir Johannes nichts ausmachen würde. Wenn ich auch einfach auf so Fußballreisen gehen und Spaß haben könnte. Aber ich kann es nicht. Und es steht halt auch nicht unbedingt auf der Liste von den Dingen, die ich gerne können würde.

Gäbe es Jörn nicht, würde ich wirklich gar nichts mehr von Johannes mitbekommen.

Ich bin einfach scheiße traurig. Fühle mich so... Ich weiß es immer noch nicht wie. Ich passe einfach nirgendwo hin. Gehöre nirgendwo dazu. Kann nirgendwo dazu gehören. Bin einfach so schrecklich unangepasst. So anders. Ich war mein Leben lang ein Außenseiter. Und ich bekomme es einfach nicht hin, dauerhaft irgendwo dazu zu gehören. Ich weiß auch nicht, ob ich das überhaupt wollen würde...

Ich bin aktiv. Verteile jeden Tag irgendwelche Zeitungen oder Flyer, mache jeden zweiten Tag Sport... Aber eigentlich würde ich am liebsten einfach nur hier liegen. Mich vergraben.

Ich passe einfach nicht in diese Welt. Müsste so vieles an mir ändern, dass es halbwegs passen würde. Aber ist es das wert?

Donnerstag, 23. Februar 2017

Und dann hat es "Klick" gemacht...

Ich hatte letzte Woche ein sehr tränenreiches Gespräch mit meiner Psychotante. Sie fragte, warum ich immer nach seinem Whatsapp-Status gucke. Zuerst versuchte ich zu erklären, dass mir 90 Prozent seiner Angaben ja gefallen, dass sie mich ihm wieder näher spüren lassen. Dass es mich ja nur umbrettert, wenn er da was mit anderen Weibern schreibt. Sie fragte dennoch immer und immer wieder nach. Warum ich es nicht einfach lasse. Und während ich mich immer weiter versuchte raus zu reden, wurden die Stimmen in mir immer lauter. Es war verrückt... Da brüllten so viele Stimmen plötzlich: "Nein, tue das nicht. Nimm ihn uns nicht wieder weg. Lass das nicht zu. Du darfst ihn uns nicht noch mal weg nehmen." Das hat mich so aus dem Konzept gebracht, dass ich nicht mehr wirklich reden konnte. Von den Stimmen konnte ich zu dem Zeitpunkt nichts erzählen, weil sie mich selbst völlig überfordert haben. So in der Form kannte ich sie schließlich auch nicht. Es war so deutlich. Es waren kleine Kinder, die nicht nochmal verlassen werden wollten.

Die Psychotante kam zu dem Schluss, dass ich Johannes nur nicht loslassen würde, damit ich bei Jörn diese Verlustängste nicht habe. Dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Johannes war so ein Herz-Ding. Ohne Sinn und vor allem ohne Verstand. Es war einfach nur Gefühl. Bei Jörn hingegen. Er ist ein Guter. Ein verdammt Guter. So ziemlich das Beste, was mir passieren hat können. Und dennoch ist es mehr so ein Kopf-Ding. Er tut so unfassbar viel für mich, ist immer da, wenn ich ihn wirklich brauche. Verzichtet auf so viel für mich. Passt sich mir und meinen Bedürfnissen an. Nimmt Rücksicht. Und dennoch... Es ist bei weitem nicht mit dem Johannes-Gefühl zu vergleichen. Sollte Jörn mich mal verlassen... Klar werde ich traurig sein. Aber ich werde nicht sterben. Ich muss mich neu aufstellen, neu organisieren, hab niemanden mehr, der mir hilft. Aber mein Herz, mein Herz wird nicht kaputt gehen. Ich werde den Schmerz und den Verlust unter Kontrolle haben.

Aber was ich nun verstanden habe... Durch diese Kinderschreie... Ja, ich nehme ihnen Johannes weg. Nicht schon wieder. Beim ersten Mal konnte ich nichts dafür. Er hat uns verlassen. Aber jetzt... Ich muss Verantwortung übernehmen. Ich tue diesen Kindern nichts Schlimmmes an, dadurch, dass ich ihn verlasse. Ganz im Gegenteil. Es tut diesen Kindern nicht gut, auf seine Aufmerksamkeit zu hoffen, die doch ausbleibt.

Ich hab das Gefühl, ich muss ihnen was anderes geben. So als Trost oder so. Aber... Ich bin dazu nicht bereit. Diese Sache mit dem inneren Kind / den inneren Kindern. Die macht mir Angst. Ich hab Angst davor, was da sonst noch so raus kommt.

Ich werde dennoch auch weiterhin auf Abstand gehen. Hab ja seit über einer Woche jetzt seine Nummer bei Whatsapp gelöscht. Klappt gut. Vielleicht ist es ja wirklich besser für mich. Jörn hatte mir die Tage eine Nachricht von ihm an ihn vorgelesen, in der er mich lieb grüßt. Ich konnte es sogar für einen kurzen Moment einfach so annehmen und mich sogar ein wenig darüber freuen. Dauerte aber nicht mehr lange, dann fiel mir wieder ein, dass er mich nur grüßt, weil ich Jörns Freundin bin. Hätte Jörn ne Andere, würder er halt die grüßen. Ich sollte lernen, alles was Johannes so sagt einfach so anzunehmen, wie er es sagt. Wertfrei. Aber... Grade bei Johannes... Damals hatte ich alles so angenommen, wie er es gesagt hat. Was er gesagt hat. Hatte nichts hinterfragt. Hatte alles geglaubt. Deswegen ist das halt jetzt nicht so einfach.

Johannes hatte damals auch nicht alles richtig gemacht. Hat mir mit vielem sehr weh getan. Mit Dingen, die er zu mir gesagt hat. Dinge, die ich auch nicht vergessen werde. Aber es ist halt auch so, dass er im Moment nichts mehr richtig machen kann. Und das ist meine schuld, nicht seine. Daran muss ich arbeiten. Ich weiß nicht... Es ist irgendwie seit so langer Zeit mal wieder so, dass ich denke, dass er vielleicht doch ein Guter ist. Dass er nicht nur ein Arschloch ist.

Er hat seine Frauen und wird sie auch weiterhin haben. Und er hat auch welche, die ihm mehr bedeuten, als ich es jemals getan habe. Das gilt es zu akzeptieren. Und zwar alle, auch die kleinen Schreihälse.

Ich würde mir wünschen, dass wir uns eines Tages noch mal begegnen könnten. Unvoreingenommen. Ohne gemeinsame Vergangenheit. Alles auf Null. Und dann hätte ich gerne, dass wir es beide besser machen. Noch nicht mal als Beziehung. Aber dennoch mit Vertrauen. Und Ehrlichkeit. Und Aufrichtigkeit. Naja.

Jetzt lasse ich erstmal los und verklickere den Zwergen, dass es besser so ist. Für uns.